03.01.2010
Das Jahr 2010 hat begonnen und ich wünsche allen nochmal nachträglich alles Gute und bedanke mich bei meinen treuen Lesern, die, wie ich an der Statistik sehen kann, inzwischen doch sehr zahlreich geworden sind.
Wir sind heute bereits 23 Tage hier in Barra in der Nähe von Rio Grande do Sul und es ist trotz der drei Wochen am Schiff noch nicht viel passiert. Aber der Reihe nach, beginnend mit Heilig Abend.
31.12.2009
Vor acht Uhr morgens stehen wir bereits am Steg der Jasmim I und warten. Erstaunt werden wir angeschaut. Mit dieser Hartnäckigkeit haben sie wohl nicht gerechnet. Vor allem nicht, dass wir schon so früh hier auftauchen. Einer auf dem Boot, der uns sieht haut gleich ab um die Kurve und verschwindet hinter dem Brückenhaus. Wir bleiben unbeirrt stehen. Nach kurzer Zeit kommt ein junger Mann und fragt wie er uns helfen kann. Zumindest verstehe ich es so. Ich frage ihn ob er der Schiffsführer sei. Nein, er ist der „Motorista“, der Schiffsführer kommt später, wann genau weiß er nicht. Ich sage ihm, dass wir die von dem Boot sind, das gestern gerammt wurde. Der weiß natürlich Bescheid. Dann sage ich zu ihm, dass ich keinen Ärger will. Ich will auch kein Geld, sondern nur, dass mein Bugspriet und alle anderen verbogenen Teile wieder hergestellt, sprich, repariert werden. Ich gehe jetzt wieder zurück zum Boot und warte dass der Schiffsführer kommt und wir alles besprechen können. Sollte er nicht kommen, dann gehe ich am Montag zur Capetania und mache eine Anzeige. Das gäbe natürlich für ihn einen riesigen Ärger. Es ist so was wie „Bootsführerflucht“. Um elf Uhr, siehe da, kommt die Jasmim I und legt am Steg an. Der Bootsführer, ein wahrer Gorilla, von der Figur wie von der Behaarung, steigt aus und reicht mir die Hand. Ich wiederhole was ich dem Maschinisten schon gesagt habe und wir werden uns schnell einig. Hätte ich Geld gefordert, hätte es erheblich mehr Ärger gegeben und wie viel Geld sollte ich fordern? Das kam für mich gar nicht in Frage. So sind wir eben verblieben dass er nächste Woche am Montag kommt und den Schaden reparieren lässt. Dem Mechaniker, den er mitgebracht hat, habe ich gleich gesagt, dass er es richtig machen solle und nicht nur versuchen alles mit dem Hammer gerade zu klopfen, sondern mit dem Schweißbrenner erhitzen, gerade biegen und falls notwendig schweißen. Was er sowieso tun muss, da er die Reling absägen muss die am Bugspriet angeschweißt ist. Dass ich kein Geld verlangt habe hat sich verbreitet wie ein Lauffeuer und ich habe dafür auch die Achtung der Leute bekommen. Fast alle am Steg, Bekannte wie Unbekannte geben mir durch Zeichen (Daumen nach oben) zu verstehen, dass sie meine Handlungsweise richtig finden. Das freut mich natürlich, dass dieser Vorfall so gut abgelaufen ist und ich dadurch auch die Sympathien der Einheimischen gewinnen konnte.
Für diesen Abend haben wir natürlich wieder das gleiche Problem wie an Weihnachten. Zu viele Einladungen. Diesmal von unserem Freund Gonzalo, dem ich vor einigen Tagen schon zugesagt habe und dann noch von Eugenio, der mich erst heute eingeladen hat. Verdammt, dem kann ich nicht schon wieder einen Korb geben. Er bewerkstelligte schließlich den Löwenanteil an meiner Rettung und noch dazu ohne einen Penny zu fordern. Im Gegenteil er hat mich nun schon das zweite mal eingeladen. So sage ich ihm zu. Aber nun kommt der Gang nach Canossa. Ich muss Gonzalo erklären warum ich, trotz meiner Zusage, nicht kommen kann. Würde das ganze mit Deutschen passieren, hätte ich keine Probleme. Ich kann mich genügend artikulieren. Aber in portugiesisch? Das wird schwer. Ich kann nicht einfach sagen „Nao possibile“. Ich muss ihm schon verständlich erklären wieso und warum ich absagen muss und mich natürlich dafür auch entsprechend entschuldigen. Ich habe es dann doch geschafft und auch dafür Verständnis bekommen und das war ehrlich gemeint. Annemarie und ich haben für solche Situationen ein feines Gefühl und merken meistens schnell ob es gespielt oder ehrlich gemeint ist. Dafür werden wir ihn und seine Frau am Sonntag mit einem frisch gebackenem Zopf und einem ebenso frischem Brot überraschen.
Am Abend gegen 22:00 Uhr gehen wir also zu Eugenio. Er hat aufgetischt dass sich die Tafel biegt. So nach und nach treffen die Gäste oder besser gesagt die „Familienangehörigen“ im weitesten Sinne, ein. Es sind so an die dreißig Leute. Vom Alter her gut gemischt von 3 -80 Jahre. Ich komme mir vor wie in den 1950iger Jahren als in Deutschland die „Fresswelle“ ihren Höhepunkt hatte. Fleisch in Hülle und Fülle angefangen vom Puter bis über Schweinefilet, Rinderfilet, Schulter, Rippen Kasseler (wie es hier heißt weiß ich natürlich nicht) bis hin zu Süßigkeiten wie Pudding und süße Spezialitäten. Was aber ganz und gar nicht fehlen darf und das habe ich mir erklären lassen, ist um Mitternacht die obligatorische Linsensuppe mit Wurst und Fleischeinlage (den brasilianischen Namen habe ich natürlich längst wieder vergessen), die in ganz Brasilien zum Jahreswechsel gegessen wird. Jetzt, endlich kann er uns vorstellen, natürlich muss er, so wie ich, wieder jede Menge Fragen beantworten. Irgendwie habe ich das Gefühl dass es ihm gut tut von allen Seiten Anerkennung zu bekommen. Aber ehrlich gesagt, wem tut es nicht gut?
Um 12:00 Uhr stehen wir alle im Freien und schauen und hören uns die Knallerei an. Dann geht’s wieder los, Bussi, Bussi und die guten Wünsche zum neuen Jahr. Keine Stunde später hat sich die „Versammlung“ aufgelöst und um zwei Uhr, wir sind natürlich wieder die Letzten, verabschieden auch wir uns und gehen zum Schiff zurück.
30.12.2009
Am vorletzten Tag des Jahres ist bei uns am Steg Hochbetrieb. Die Fischer kommen zu Hauff an den Steg, tanken, füllen Wasser auf, reinigen ihre Boote, machen alles fertig für das nächste Jahr wenn sie wieder raus fahren. Wir sitzen gerade im Salon als es fürchterlich rummst und unser Boot durchgeschüttelt wird. Sofort sind wir an Deck. Ein Boot hat beim Anlegen unseren Bugspriet gerammt. Dieser steht jetzt ca. einen Meter zur Seite und hat die Rolle der Genua Reffanlage unter die Reling gedrückt. Alles verbogen und das Rohr des Bugspriets abgeknickt. Das Fischerboot setzt zurück und ist schon wieder verdächtig nahe am Bugspriet. Ich schreie was das Zeug hält ebenso die Zuschauer auf dem Steg. Daraufhin gibt der Schiffsführer Gas und haut ab. Annemarie hat die besseren Augen als ich und frage sie welcher Name auf dem Boot steht. Es ist klein geschrieben und das Boot doch schon weit weg.“Ich glaube es heißt Jasmin oder so ähnlich“, sagt sie. Gut den Namen werden wir uns merken. Annemarie fragt einen der jungen Männer die es gesehen haben. Einem ist es sehr peinlich, er zieht den Kopf ein und schaut stur in eine andere Richtung und der andere tut so als verstehe er nicht. Annemarie bleibt hartnäckig. Seine Antwort war so viel wie: ich habe nichts gesehen und weiß auch nicht was das für ein Boot war. Natürlich hat er es gesehen, er war doch der, der am lautesten dem Bootsführer eine Warnung zugerufen hat. Auch egal, es sollte ja nur eine Bestätigung sein, dass sie den Namen richtig erkannt hat. Es dauert keine fünf Minuten und es rummst schon wieder. Das nächste Boot, die Hiena dos Mares, hat den Bugspriet gerammt. Dabei liegen wir doch hinter dem Steg und stehen nicht vor. Aber jetzt ist es eh schon egal. Aber eine Entschuldigung hätte ich zumindest erwartet. Wir müssen das erste Boot finden und uns mit dem Schiffsführer in Verbindung setzen. Der muss schließlich für den Schaden aufkommen. Annemarie läuft die Stege ab und sucht nach dem Boot. Nach einer halben Stunde kommt sie ohne Ergebnis wieder zurück. Die Fischer kennen sich normal alle. Also gehen wir zu Eugenio und erzählen ihm den Vorfall. Sogleich setzen wir uns ins Auto und er bringt uns zum Liegeplatz der Jasmim I, wie wir jetzt den vollen Namen sehen können. „Die Verhandlungen müsst ihr selber führen, das geht mich nichts an“, meint Eugenio, wobei er auch Recht hat. Wir fragen nach dem Schiffsführer und bekommen die Antwort dass er nicht da ist. Auf die Frage wann man ihn erreichen kann, sagt man uns Morgen. Wann, um welche Zeit? Keine Ahnung 10, 9, 8. Die Fischer, die wir fragen wissen anscheinend schon Bescheid, da das Wort „Iate“, Yacht, gefallen ist. Also ziehen wir wieder ab.
26.12.2009
Wie in Spanien gibt es auch hier nur einen Feiertag, den 25. eben. Heute ist Arbeitstag und ich warte auf Gonzalo, dem Mechaniker, damit wir am Motor weiter arbeiten können. Aber es kommt niemand. Na, denke ich, dann eben morgen. Aber auch da kommt er nicht. Abends gehen wir bei ihm vorbei und fragen nach was los ist. Er ist zwischen Weihnachten und Neujahr voll mit den Fischern beschäftigt, die ja am 2.Januar wieder raus wollen. Also müssen erst diese bedient werden. Dafür habe ich auch volles Verständnis. Er hat mir aber fest versprochen am 4. Januar an meinem Motor weiter zu arbeiten. Wir werden dann, wie schon gesagt, versuchen den Motor durchzudrehen. Ich habe genügend Rostlöser in den Zylinder gekippt und hoffe dass es hilft. Wenn nicht heißt es eben Motor raus.
25.Dezember Weihnachten
Am 25. waren wir dann bei Eugenio,unserem „Abschlepper“ eingeladen. Er sagte nur er holt uns ab aber wann, hat er uns nicht gesagt. Am Mittag kommt dann Diego, einer der beiden jungen Männer die bei der Rettungsaktion auf unserem Boot waren und lädt uns ein zu ihm ins Haus zu kommen. Wir sagen zu weil wir beide dachten dass Eugenio uns erst am Abend abholen würde. Weit gefehlt. Gerade als wir mit Diego weggehen wollen kommt Eugenio. Verdammt, da sitzen wir in einer Zwickmühle. Wir verbleiben so, dass wir jetzt mit Diego mitgehen und am Abend zu Eugenio kommen. Die „Weihnachtsfeier“ war ähnlich wie die am Vorabend nur eben mit lauter jungen Leuten und Nachmittags. Es war einfach eine Grillparty im Garten. Wieder werden wir mit Fleisch vollgestopft. Am Abend verabschieden wir uns von Diego und gehen zu Eugenio. Die 40 Gäste waren alle schon weg und wir waren, außer den Familienangehörigen alleine. Eigentlich waren wir ganz froh darüber. Endlich konnten wir uns mal alleine Unterhalten und wir hatten uns viel zu erzählen. Er tafelte auf wie für eine Kompanie. Fleisch, Salat und Süßes. Wir mussten nochmal essen. Am 25. wird hier anscheinend nur Nachmittags gefeiert. Todmüde und mit zum platzen vollen Bäuchen kehren wir gegen Mitternacht auf unser Boot zurück. Wusste gar nicht, dass Einladungen so anstrengend sein können. Dazu kommt noch, dass du dich nicht in deiner Sprache verständigen kannst, was natürlich doppelt anstrengt. Aber trotz allem, es hat uns gefallen und wir haben hier wirklich Freunde gefunden.
24.Dezember Heilig Abend
Heute ist Heilig Abend und wir sind natürlich mal wieder eingeladen. Leider können wir nur einer Einladung folgen und mussten deshalb zwei andere absagen. Heute Abend sind wir bei Lu und ihrer Familie. Das ist die Eisenwaren und Schiffszubehörhandlung (für Fischerboote) die am Ende unseres Stegs liegt. Als kleines Geschenk habe ich einen Hefezopf gebacken, der auch freudig angenommen wird. So etwas gibt es hier nicht und es wird auch gleich allen anderen die heute hier anwesend sind erzählt wer wir sind und was wir erlebt haben. Natürlich müssen wir nochmal alles erzählen so gut es geht. Aber sie scheinen es zu verstehen. Es sind doch immer die gleichen Fragen nach dem Woher und dem Wohin. Wie lange auf See und wie viele Personen auf dem Schiff, wie groß ist das Boot usw. Dann immer wieder der gleiche Satz, hauptsächlich von den Fischern, die das eh nicht verstehen können, dass man nur so zum Spaß auf dem Meer rumfährt: mucho courage (sehr mutig). Eugenio, der Mann der uns damals abgeschleppt hatte war nur fünf Minuten auf unserem Boot, dann musste er runter. Er sagte damals das ist ihm viel zu klein hier und er würde sich zu Tode fürchten mit so einem kleinen Boot auch nur eine Meile auf das Meer hinaus zu fahren. Na gut, weiter mit der Einladung. Also an Heilig Abend werden auch hier die Geschenke verteilt, so wie wir es von Deutschland her kennen. Nur der Ablauf des Abends sieht erheblich anders aus. Von stiller oder andächtiger Nacht ist nicht viel zu spüren. Eher der amerikanische Stil. Laute Musik, Tanz viel Lärm, vor allem mit Kracher, Kanonenschlägen und Leuchtraketen. So etwas wie die Generalprobe für Silvester. Dann natürlich und das ist die Hauptsache, das Essen. Es wird gegrillt was das Zeug hält. Getrunken wird von den Frauen nur Cola (das sieht man auch ihren Figuren an) und die Männer trinken Bier, meistens aber auch Cola. Das wird hier Literweise in sich rein geschüttet. Also ungesünder geht es kaum noch. Das Fleisch meistens Rind aber auch Schwein, wird so „unbehandelt“ wie es vom Metzger kommt auf den Grill geworfen, mit allem Fett, Knorpeln, Knochen, und Sehnen. Das ist nicht ganz so mein Fall. Die fetten Teile habe ich dann (hoffentlich unbemerkt) den Hunden zukommen lassen. Der Fernseher läuft im Hintergrund mit einer Musik-DVD und hebt den Lärmpegel noch etwas an. Um 12:00 Mitternacht wird sich gegenseitig „Felize Natal“ (frohe Weihnachten) gewünscht und Bussis, nach französischer Art, erst links, dann rechts, dann wieder links verteilt. Eine halbe Stunde später sitzen nur noch Annemarie und ich am Tisch, was für uns das Zeichen ist uns zu verabschieden und zum Boot zurück zu gehen. An sich ein netter Abend aber eher eine alte Leute Party als ein Weihnachtsfest. Andere Länder andere Sitten. Aber so fremd ist uns das eigentlich gar nicht. In Spanien bzw. auf den Kanaren wird Weihnacht auch so gefeiert. Nur waren wir nie direkt dabei.