Wir gehen gerade am Strand spazieren, es ist ein schöner warmer und sonniger Sommertag als zwei Personen zielgerichtet auf uns zusteuern. Ich denke mir noch was die wohl von uns wollen, als sie sich auch schon als Reporter der im Raum Rio Grandes größten Tageszeitung „Zero Hora“ zu erkennen geben. Sie fragen uns ob wir ihnen ein Interview geben würden. Natürlich sagen wir ihnen zu. Einer macht das Interview, der andere ist der Fotograf und schießt jede Menge Bilder. Einen Tag später erscheint alles in der Zeitung auf fast zwei Seiten. Nur schade, dass wir es nicht verstehen können. Wir werden aber versuchen eine Übersetzung zu bekommen und den Wortlaut auf dieser Seite veröffentlichen. Die Reporter sind gerade weg, als unsere „Nachbarn“ kommen und uns mitteilen dass der Beitrag des TV- Teams um 12:00 Uhr im heutigen Mittagsjournal gesendet wird. Wir sehen ihn uns an und finden ihn gut, obwohl wir kein Wort davon verstehen. Schlecht muss er jedoch nicht sein, denn etliche Leute sprechen uns danach auf diese Sendung an.
Bild und Textbeitrag in der Tageszeitung Zero Hora
Das ist allerdings nicht das Einzige in der gedruckten Presse. Ein Beitrag, den ich geschrieben habe, wird im „Lass fallen Anker“, einem Journal der deutschen Seemannsmission, erscheinen. Leider werde ich zum Erscheinungsdatum nicht mehr in Brasilien sein um ein Exemplar zu bekommen.
Hier der Wortlaut:
Freundliches Brasilien
Wir, Werner (66) und Annemarie (62), am Ende unseres Arbeitslebens haben uns unseren Wunsch erfüllt, mit dem Segelboot fremde Länder zu bereisen. Wir kauften uns vor vier Jahren in Kroatien eine gebrauchte Stahlsegelyacht und sind nach Überholungs- und Umbauarbeiten seit zwei Jahren unterwegs. Unser Ausgangshafen war Arrecife in Lanzarote. Dort wohnten und arbeiteten wir die letzten 12 Jahre. Da wir unserem ehemaligen Wohnort in Deutschland (Rosenheim in Bayern) doch noch verbunden sind haben wir ihn bei der Namensgebung unseres Bootes verewigt. Mit der „Out of Rosenheim“, so der Name unseres Bootes, wollen wir die Welt erkunden. Dabei liegt uns daran etwas abseits der üblichen „Touristenwege“ zu segeln. Land und Leute näher kennen lernen kann man kaum in den ausgetretenen Touristenpfaden. Dort sind die meisten von nicht landesüblichen Einflüssen bereits verdorben. So war es für uns klar, dass wir als erstes nicht in die Karibik segeln, sondern über die Kap Verden nach Brasilien.Das sind von unserem Ausgangshafen Arrecife knapp 3000 Meilen, welche wir mit 40 Seetagen, davon 10 auf der ersten Etappe bis Mindelo, dort machten wir eine Woche Pause und weiteren 30 Seetagen bis Salvador de Bahia, hinter uns brachten.
Unsere erste Station in Salvador war der Nautic Club. Wir wurden herzlich empfangen und wir kamen uns vor als wären wir alte Bekannte. Ein kleines Problem gibt es mit der Sprache. Ich spreche kein portugiesisch und die wenigsten sind des englischen mächtig. Trotzdem kann man sich unterhalten. Wofür hat man denn Hände und Füße? Wir fanden doch noch jemandem im Nautic Club der englisch sprach und er erklärte uns die Vorgehensweise bei der Einklarierung. Bei den Behörden lief alles korrekt und ohne Komplikationen ab. Allerdings sollte man einige Dinge beachten. Die Beamten sind Respektspersonen und Respekt sollte man ihnen auch entgegenbringen. Da haben, speziell wir Deutschen, öfters unsere Probleme. Ich kann nicht zu einer Behörde gehen so wie ich auf dem Boot rumlaufe. Lange Hose, geschlossene Schuhe und ein Hemd sind die Utensilien die ich mir bei einem Amtsgang leisten sollte, dann habe ich schon halb gewonnen. Etliche Segler, vor allem jüngere, mit denen ich gesprochen habe hatten Probleme. Bei näherem Hinterfragen stellte sich meistens die ( typisch deutsche)Abneigung gegen Amtspersonen heraus. Alle diese Probleme sind uns bisher unbekannt.
Wir besichtigten die Stadt, machten uns schlau über deren Geschichte von der Gründung über den Sklavenhandel bis zur heutigen Zeit. Wir sprachen mit Einheimischen, die uns gerne, so weit wir uns verständigen konnten, unsere Fragen beantworteten. Wir kauften uns hier ein neues Navigationsprogramm für unseren Laptop. Der Ladenbesitzer ließ es sich nicht nehmen persönlich auf unser Boot zu kommen und die Installation des Programms nebst der Installation des GPS selbst vorzunehmen, alles als kostenlose Serviceleistung. Kann ich auch in Deutschland haben, mit dem Unterschied dass dabei etliche klingende Münzen bzw. Scheine den Besitzer wechseln.
Wir segelten weiter nach Aratu und legten uns vor dem Yachtclub vor Anker. Wie selbstverständlich durften wir den Steg zum Anlegen mit unserem Dinghy kostenlos nutzen. Wir bekamen auch jederzeit Wasser, das man uns ebenfalls kostenlos anbot. Wir konnten im Yachtclub ein und ausgehen als wären wir Mitglieder. Bar und Restaurant stand uns jederzeit zur Verfügung.
Falls wir einkaufen gehen, kaufen wir so weit wie möglich immer im Ort in den kleinen Läden. Man wird freundlich und entgegenkommend bedient und bekommt dort, wie früher in den Tante Emma- Läden, schnell Kontakt. Außerdem sind sie meist nicht teurer als die großen unpersönlichen Supermärkte, die überall auf der Welt gleich sind. Bei der ersten Begegnung mit „unserer“ Gemüsefrau spielte sich folgendes ab. Annemarie kaufte Gemüse und mehrere Früchte. Vor dem Einpacken in eine Tüte begutachtete die Gemüsefrau den Einkauf. Nahm etliches Obst wieder weg und tauschte es gegen anderes mit besserer Qualität aus. Ein anderes mal als sie Äpfel kaufte, nahm sie ihr diese ab, hob die obere Kiste hoch und meinte die besseren sind in der unteren Kiste. Wir haben bei ihr auch dann den gesamten Einkauf an Frischproviant für unserer Reise nach Uruguay gekauft, den sie uns kostenlos direkt bis ans Boot lieferte
Wir hatten mehr als 2000 Meilen seit Salvador bereits hinter uns und waren nur noch zwei Tage von unserem Ziel Punta del Este entfernt als uns ein Südsturm erwischte. Dabei zerrissen die Segel und der Motor fiel aus, so dass wir fast Manövrierunfähig waren. Wir trieben immer mehr in Richtung Land und waren bereits 5 Meilen vor der Küste und nahe daran zu stranden als uns Fischer zu Hilfe kamen. Als erstes brachten sie uns Lebensmittel an Bord, die für uns einen ganzen Monat gereicht hätten, dann nahmen sie uns auf den Haken und schleppten uns 16std. lang die 80 Meilen nach Rio Grande do Sul in ihren Heimathafen. Bereits unterwegs stellten wir uns die bange Frage, was tun, wenn der Fischer auf das internationale Seerecht pocht und die ihm zustehende Gebühr (bis zu 20% des Schiffswertes) verlangt? Das hätte das Ende unserer Reise bedeutet. Weit gefehlt und umsonst Sorgen gemacht. Er wollte nicht einen einzigen Centavo. Ich wollte mich natürlich revanchieren und ihn samt Besatzung in ein Restaurant zum Essen einladen, was er strikt ablehnte. Im Gegenzug dazu bekam ich von ihm für Weihnachten eine Einladung in sein Haus um mit seiner 35 köpfigen Familie zu feiern.
Bei der Ankunft lernte ich ebenfalls Gonzalo kennen. Dieser fragte mich als erstes ob ich genügend Lebensmittel an Bord hätte. Ich sagte ja aber trotzdem kam er nach einer halben Stunde wieder mit einem Plastikbeutel voller Lebensmittel die er mir schenkte. Alle Leute mit denen wir bisher Kontakt hatten sind ausnahmslos entgegenkommend und freundlich. Diese Herzlichkeit sind wir von Europa nicht gewöhnt. Ich versuche mich immer nach Möglichkeit mit einigen Kleinigkeiten zu revanchieren damit bloß nicht der Verdacht aufkommt ich würde die Situation ausnützen. Manchmal ist es mir schon fast peinlich wie sehr die Leute um uns besorgt sind. Wir wurden vom ersten Tag an in ihre Gemeinschaft aufgenommen und so behandelt als gehörten wir schon immer zu ihnen. Gonzalo opferte viel Zeit für uns, denn er begleitete uns zu sämtlichen Behörden zu denen wir mussten. Alleine hätten wir das nie geschafft, da wir ja des portugiesischen nicht mächtig sind. Die Aufenthaltsgenehmigung für Brasilien ist bereits abgelaufen und dadurch gibt es jetzt natürlich einige Probleme. Ich muss hier als Notfall anerkannt werden um bleiben zu können und um die Reparaturen ausführen zu lassen. Daher verlangen die Behörden auch einen genauen Bericht über den Hergang des Notfalls und wie es dazu kam, sowie eine genaue Schadensaufstellung. Das konnte ich nur in deutsch schreiben was dann übersetzt werden musste. Eine große Hilfe erfuhr ich durch den evangelischen Pastor der Seemannsmission in Rio Grande, Ruben Adelar Bonato, der die Übersetzung bewerkstelligte und uns auch so gut betreute. Es ist schön mit jemand zu sprechen der unsere Sprache versteht.
Gonzalo, so stellte sich später heraus , ist auch Mechaniker und so bekommt er ohne Umschweife auch gleich den Auftrag für die Motorreparatur.
Weihnachten kam schließlich und ich bekam noch weitere Einladungen aber leider können wir uns nicht zerteilen und so mussten wir Absagen erteilen. Zum Jahreswechsel war es genau so. Jedenfalls waren die Feiern ob zu Weihnachten oder zum Jahreswechsel sehr schön. Trotz der paar Brocken die wir portugiesisch können waren es herrliche Abende.
Wir liegen hier am Steg an dem die Fischer ankommen um Diesel und Wasser zu tanken. Man hilft beim Anlegen in dem man die Festmacher über die Poller wirft. Sofort kommt man dann mit ihnen ins Gespräch. Fragen nach dem woher, wohin, was ist passiert müssen beantwortet werden. Immer wieder wundern sie sich wenn sie unser kleines 12m Schiffchen sehen und können es gar nicht glauben dass wir damit in den letzten 4 Jahren über 8000 Meilen gesegelt sind. Vor allem die Fischer, die ja andere Größenordnungen gewöhnt sind, meinen immer wieder, wenn sie erfahren dass wir nur zu zweit sind „mucho Courage“, was mir persönlich eigentlich nicht so vorkommt. Sicher es ist abenteuerlich und dass es kein Sonntagsspaziergang wird war uns ebenfalls von Anfang an klar.
Wenn wir hier die Reparaturen beendet haben werden wir weiter segeln nach Uruguay und nach Argentinien. Wir sind neugierig was uns dort erwartet, sind aber auch davon überzeugt, dass die Menschen bestimmt genau so freundlich sind wie hier.
Ende des Berichts
Etwas Ärger gibt es doch noch zum Schluss, was das Gesamtbild das ich von den Menschen hier gewonnen habe in keiner Weise negativ beeinflusst. Wie heißt das Sprichwort? Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer. Und Idioten gibt es schließlich auf der ganzen Welt.
Es wurde mir damals zwar versprochen, dass der verbogene Bugspriet vom Verursacher des Schadens repariert wird aber es ist nichts geschehen. Man erklärt mir, ich solle mich, nicht wie ich es getan habe, an den Bootsführer wenden, sondern an den Eigner. Werde aber gleichzeitig vor seiner Sturheit und Unverträglichkeit und den Unvermögen mit anderen Leuten vernünftig zu kommunizieren, gewarnt. Er hat einen sehr schlechten Ruf unter den Fischern, keiner mag ihn und jeder meidet ihn. Trotzdem habe ich ihn auf den Schaden angesprochen. Das hätte ich auch gleich sein lassen können. Er meint es wäre mein Problem und ich solle verschwinden. Ich sage zu ihm, dass das doch ein Versicherungsfall sei und diese es bezahlen würde. Er ließ mich einfach stehen, gab Gas und fuhr mit dem Auto weg. Den Rechtsweg einzuschlagen finde ich Sinnlos. Ich wünsche ihm noch einiges, welches ich hier nicht wiedergeben möchte und trottete, bildlich gesprochen, mit hängenden Ohren und jede Menge Wut im Bauch zurück zum Boot
Der „Bugsprietmörder“
der lädierte Bugspriet
