13.09.2010

09. September 2010

Ist es nicht schön in Brasilien? Ich möchte gar nicht mehr weg, deshalb bin ich auch immer noch hier! Wer die vorhergehenden Berichte gelesen hat weiß, dass dieser Satz nur so trieft vor lauter Ironie. Nein, wirklich es ist zum verzweifeln. Der Boden unter unseren Füßen ist bereits steinhart vor lauter auf der Stelle treten. Wir haben fest damit gerechnet, dass wir Anfang September von hier wegkommen. Erstens es kommt meistens, zweitens anders als gedacht. Wir sind immer noch auf der Suche nach einer Werft, die so gnädig ist uns aufzunehmen. Nur Absagen. Eine Werft hat zugesagt. Ein aus Deutschland stammender und in der zweiten oder dritten Generation hier Ansässiger. Der verlangte jedoch so viel, dass es unsere finanziellen Möglichkeiten bei weitem übersteigt. Die neue Marina in Lanzarote, in der wir vor unserer Abreise lagen,sie ist wirklich nur vom Feinsten, ist um fast die Hälfte billiger als die Werft hier. Diese hat aber nichts zu bieten außer fest getrampelten Erdboden und einen Slipwagen der so alt ist, dass er bei den zwölf Tonnen die unser Boot wiegt, die Beine spreizt und es nicht sicher ist ob unsere Lady auf dem Wagen bleibt und dieser nicht vor lauter Altersschwäche umkippt. Sanitäre Anlagen gleich Null, keine Einkaufsmöglichkeiten um sich zu verpflegen. Da bewahrheitet sich mal wieder das Sprichwort: Gott behüte mich vor Sturm und Wind und vor Deutschen die im Ausland sind. Kein Wunder dass bei dem keine Schiffe aufgeslippt an Land stehen. Die Fischer kennen den wohl schon.

Also die letzte Option die wir jetzt haben: ein Tauchen muss her. Also wird Gonzalo wieder für uns tätig. Er telefoniert in meinem Beisein einen Taucher an, der auch verspricht am nächsten Tag zu kommen. Ich mache es kurz. Ich warte heute noch. Einige Tage später ruft Gonzalo bei einem anderen Taucher an. Die Auskunft: er kommt morgen. Was das warten anbelangt, siehe den Satz vorher. Wir fahren nun persönlich zu ihm aber er ist nicht anwesend. Ein anderer (von uns nicht gerufen)kommt plötzlich ans Boot. Den schickt der Himmel, denke ich. Ich sage ihm was er machen soll, doch der will nur die Muscheln vom Schiff kratzen für umgerechnet 300 EU. Dafür habe ich allerdings nur ein müdes Grinsen übrig. Gonzalo treibt einen anderen Taucher auf. Der will für die Reparatur inklusive Kasko reinigen 300 Rials (etwa 150 EU). Wir sind total happy und sagen auch gleich zu. Wiederum will er am nächsten Tag kommen. Ergebnis siehe oben. Nach einigen Tagen geht Gonzalo zu ihm und fragt was denn jetzt los sei. Die Antwort ist, dass er schon komme aber nicht für 300 Rials sondern für 1000 Rials und dann nur das Kasko reinigen ohne Ruder reparieren. Abschreiben!! Mit so einem Typen wollen wir nichts zu tun haben. Nun habe ich aber die Schnauze voll. Wir werden uns jetzt mal selber darum kümmern. Gonzalo ist ja wirklich ein guter Freund aber leider hat er unendlich viel Zeit, wir aber nicht. In Rio Grande haben wir eine Werbung gesehen von der Firma Diver Tech. Wir nehmen uns vor dort anzurufen bzw. anrufen zu lassen. Es wird uns versprochen, dass der Taucher ( es ist Samstag) gleich nach dem Mittagessen bei uns vorbei kommt. Also warten wir. Es wird drei, vier, fünf, halb sechs, kein Taucher. Total frustriert gehen Annemarie und ich vom Boot zu Freunden bei denen wir zum Abendessen eingeladen sind. War mal wieder nichts. Am Montag bitten wir unseren Freund Luis bzw. dessen Frau Maria nochmal bei dieser Firma anzurufen. Ich glaub ich krieg`ein Ei. Sagt der doch am Telefon: „ach sie haben doch schon mal angerufen und waren dann nicht am Boot“. Spinne ich oder was? Auf die Frage wann er denn da war meint er, es war wohl so gegen sechs Uhr abends. Na Klasse, er sagte doch gleich nach dem Essen. Der meinte wohl Abendessen. Na gut, jedenfalls ein neuer Termin und er war dann auch gleich da (nur ein halbe Stunde verspätet, aber das gilt hier als pünktlich). Der Schaden ist schnell erklärt und er springt auch sofort ins Wasser um alles zu begutachten. Nach einem Telefonat mit seinem Chef nennt er uns seinen Preis. 400 Rials (ca. 200 EU) um das Ruder aus und wieder einzubauen. Das nenne ich anständig und wir beschließen das Geschäft mit Handschlag. Der Taucher macht sich sogleich an die Arbeit und werkelt unter Wasser rum, was, weiß ich nicht, denn das Wasser ist so trüb und schmutzig man kann keinen Zentimeter in das Wasser schauen. Unter Wasser beträgt die Sicht so an die fünfzig Zentimeter. Da weiß ich mir aber einen schöneren Job. Über Wasser haben wir alles was am Ruderschaft angeschraubt ist, wie z.B. Ruderquadrant usw. abgeschraubt aber das Ruder will nicht abgehen.

Mit Hammerschlägen auf die Ruderwelle haben Gonzalo und ich das Ruder nach unten geschlagen. Es fällt 40 cm nach unten und sitzt auf der Schiffsschraube auf, an der es nicht vorbei geht. Für heute ist Feierabend. Der Taucher will am nächsten Morgen wieder kommen.

Wir haben nun schon den 9. September und die Zeit läuft. Ich glaube fast nicht mehr, dass wir in diesem Jahr noch nach Norden kommen. Hoffentlich habe ich mit meiner Vermutung unrecht.

Das Problem, das jetzt ansteht ist, dass die Ruderwelle unter Wasser abgeschnitten werden muss um das Ruder auszubauen. Ist das geschehen kann man das Ruder reparieren. Wir wissen jetzt welchen Schaden wir haben. Bei niedriger Tide und durch Frachtschiffe verursachte hohe Wellen haben das Ruder auf den Boden geschlagen und es wurde am unteren Lager ausgehängt. So weit nicht so schlimm. Der wirkliche Schaden entstand erst später durch dauerndes Aufschlagen auf den Boden wobei der aus dem Lager gesprungene Lagerzapfen verbogen wurde. Dieser muss nun abgeschnitten neu gedreht und wieder angeschweißt werden. Danach wird das Ruder wieder eingebaut , was aber heißt, dass es unter Wasser angeschweißt werden muss. Auf meine ängstliche Frage was das denn kosten würde meinte der Taucher das wäre im Preis inbegriffen, nur die öfteren Fahrten von Rio Grande nach Barra würden vielleicht 50 Rials (25 EU) mehr kosten. Wenn es weiter nichts ist, will ich nicht jammern.

Natürlich sind wir in der Zeit in der wir verzweifelt versuchten unser Ruder reparieren zu lassen nicht untätig hier rumgesessen, sondern haben andere anstehende Arbeiten durchgeführt. Der Bugspriet und die Reling sind fast wieder so wie vorher und ich hoffe, während wir hier noch liegen müssen, rennt uns nicht wieder einer über den Haufen. Die gebrochene Rolle der Rollanlage ist repariert, dafür musste der Deckel einer Plastikbox das Leben lassen und das Vorstag ist wieder komplett angebaut. Die Elektrik hat ein neues Setup bekommen und funktioniert einwandfrei, ohne dass mir Strom „verloren“ geht. Vorher waren doch einige Verbindungen nicht ganz so wie sie sein sollten. Das Kabelgewirr im Schaltschrank ist aufgeräumt und übersichtlicher als vorher. Was aber nach wie vor zu wünschen übrig lässt, ist der fällige neue Farbanstrich aber das muss noch warten. Die Ankerwinde hat auch das Zeitliche gesegnet und es bleibt keine Zeit mehr dies zu beheben. Muss wohl mal wieder rohe Muskelkraft zum Einsatz kommen.

Nicht unerwähnt bleiben sollte bei der ganzen Sache Romulo (Tel. 32325434) der Segelmacher. Der kommt, wenn er gerufen wird, wirklich zu der von ihm angegebenen Zeit, was hier nicht so ganz üblich ist (s.o.). Arbeit und Preis sind gut. Wir haben drei Segel richten lassen. An unserem „neuen“ Großsegel hat er das abgelöste Achterliek und einige Querrisse geflickt, beim Genua einen größeren Flicken angebracht so wie die gesamte Naht des UV-Schutzes neu nachgenäht und einige Meter davon erneuert, das „alte“ Großsegel wurde von 30 auf ca 20qm verkleinert, wobei die zerrissenen Stellen abgeschnitten wurden, so dass wir jetzt ein kleines Großsegel haben, das etwa dem vorherigen mit zwei Reffs entspricht. Für die ganze Aktion verlangte er knapp 600 Rials was ungefähr 300 EU entspricht.

Das ist aber jetzt wirklich der Hammer. Während ich diese Zeilen schreibe waren plötzlich drei verschiedene Taucher da, die alle das Ruder reparieren wollten. Es ist schon eigenartig, erst bittet und bettelt man, dass einer das Ruder richtet und nun stehen genau diejenigen da, die uns damals haben sitzen lassen und wollten über den Preis verhandeln. Was hat mal ein bekannter russischer Politiker gesagt? Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.

Als kleine nette Begebenheit zum Schluss noch folgendes. Annemarie ist dauernd am Jammern, dass sie kein Schneidebrett mehr in der Pantry hat seit das letzte kaputt gegangen, sprich gebrochen ist. Sie erzählt es auch unserem Freund Luis. Als wir mal wieder bei ihm sind wartet er mit einer Überraschung für Annemarie auf. Er hat ein großes in Fischform ausgeschnittenes Schneidebrett aus Eukalyptusholz gemacht und es ihr geschenkt. Also, es gibt nicht nur Ärger. Freunde haben wir nach wie vor hier und es werden immer mehr. Aber wie alles, so hat der (erzwungene) Aufenthalt eben auch seine zwei Seiten.

11.jpg

Schneidebrett mit „Radi“

Der nächste Tag ist da, aber leider kein Taucher. Was Wunder, wir haben wieder mal knapp dreißig Knoten Wind und etwa ¾ Meter Welle. Da ist arbeiten unter Wasser nicht möglich. Die Wettervorhersage meint, dass dieses Schei… Wetter noch weitere fünf Tage anhält. Die Abfahrt von hier wird immer unwahrscheinlicher. Dabei wollten wir doch nächstes Jahr im Herbst wieder in Lanzarote sein, denn von dort geht es dann via Flugzeug nach Deutschland, denn mein (Stief) Sohn heiratet und da will Annemarie doch unbedingt dabei sein. Hoffen wir dass es klappt. Aber danach (versprochen) geht die Reise weiter, erst mal (in dem Fall dann das dritte mal) wieder zurück über den Atlantik und dann sehen wir weiter.

4.jpg die gebrochene…

5.jpg … und die reparierte Rolle

6.jpg   im richtigen (Plastik) Rahmen

7.jpg  „Reparatur-Set“

In der Nacht hat der Wind mit 25 Knoten aus Nord durchgeblasen was uns noch einigermaßen ruhig schlafen ließ, nun aber hat er aufgefrischt auf über dreißig Knoten, die Wellen gehen hoch, das Boot macht Bocksprünge und wird gegen den Steg gedrückt. Ich höre Annemarie draußen einen langen schrillen Schrei ausstoßen, renne den Niedergang hoch und schaue was los ist. Ein Fischerboot legt gerade ab und ist mit seinem Bug nur noch 10 cm von unserer Reling und dem neuen Bugspriet entfernt. Durch Vollgas rückwärts kann er gerade noch einen Zusammenstoß ausweichen. Ich hoffe nur, dass wir hier bald mal ablegen können ohne verbogene Reling und angebrochenen Bugspriet. Die Zeit zum abhauen ist überreif oder müssen wir doch einen Liegeplatz suchen wo wir so lange bleiben können, bis eine Weiterfahrt möglich ist? Das aber müssen wir der Einwanderungsbehörde klar machen, was so einfach bestimmt nicht sein dürfte. Hoffen wir das Beste.

21.jpg vorher

2-11.jpg fast fertig

31.jpg  fertig

Soeben erfahre ich, dass heute Nacht drei Fischerboote verloren gingen. Eines ist gestrandet, zwei sind auf dem offenen Meer gesunken. Menschenleben sind zum Glück nicht zu beklagen. Bei schwerem Wetter lobe ich mir da schon unsere Lady, die weitaus sicherer ist als die Fischerboote obwohl diese 5 – 7 Mann Besatzung haben, bis zu 20 Meter lang sind und starke Motoren von mindestens 300 – 500 PS besitzen. Durch den Bleikiel liegt der Schwerpunkt bei einem Segelboot erheblich tiefer als bei einem Trawler, der bei hoher See leicht kentern kann, wenn der Motor ausfällt und sie dadurch Steuerlos in schwerer See treiben. Diesmal schließe ich leider meinen Bericht mit einem eher tragischen Vorfall statt mit einer Begebenheit zum schmunzeln.

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