4.01.2011

Zurück in Rio Grande

25.12.2010
Das Wetter ist gut, SO-Wind mit 15 Knoten und die Sonne scheint. Das Boot ist fertig zur Abfahrt. Eigentlich brauchen wir jemand der uns über die Untiefe an der Ausfahrt zieht aber heute am 25. ist natürlich keiner da. Warten bis Morgen wollen wir aber auf keinen Fall. So versuchen wir es eben alleine. Annemarie steht am Ruder und steuert unser Boot aus der Box. Als wir kurz vor der Untiefe sind gibt sie nochmal richtig Gas und dann durch. Wir haben gerade Hochwasser und so geht alles ohne Probleme über die Bühne. Wir sind jetzt im Kanal und motoren die 11 Meilen in Richtung Ausfahrt. Vorher kommen wir jedoch in Barra vorbei, wo wir so lange lagen und legen dort an um Diesel zu tanken und uns endgültig von unseren Freunden zu verabschieden, die extra an den Steg gekommen sind. Annemarie, immer noch am Ruder, legt an wie ein Profi, ruhig und gekonnt. Wir tanken noch zusätzliche 250 Liter, verabschieden uns endgültig (oder vielleicht doch nicht?) und rauschen ab. Wir haben die Ausfahrt erreicht und biegen in Richtung Norden ab. Wir wollen erst mal nur die 250 Meilen bis Santa Katarina segeln, dort einige Tage bleiben und ein günstiges Wetterfenster abwarten um von dort aus die 500 Meilen bis Angros dos Reis in Angriff zu nehmen. In Angros dos Reis wartet unser Freund Erwin auf uns mit dem wir dann zusammen weiter segeln bis Salvador.
Wir haben Richtung Nord eingeschlagen aber der Wind weht so leicht dass segeln nicht möglich ist. Also muss unser „Eisensegel“ weiterhin in Betrieb bleiben. Den Autopiloten können wir aber wenigstens in Betrieb nehmen, glauben wir jedenfalls. Der jedoch denkt gar nicht daran zu arbeiten. Das gibt es doch gar nicht. Gestern noch ausprobiert und einwandfrei funktioniert. Aber nichts geht mehr. Es ist ein elektronisches Problem. Ich überprüfe sämtlich Kabel und Anschlüsse und finde eine schlechte Lötstelle, welche ich sogleich behebe. Wenn ich jetzt Kurskorrektur Backbord oder Steuerbord eingebe reagiert der Computer aber leider nur da. Den Kurs zu halten und selbständig zu steuern, daran denkt er überhaupt nicht. Damit bin ich mit meinem Latein am Ende. Ich baue zwar den elektronischen Steuerkompass (Fluxgate Kompass) aus und kontrolliere alle Anschlüsse aber dann ist Schluss. Bravo, das heißt nämlich 24 Stunden Ruder gehen und das zu zweit. Umdrehen wollen wir auf keinen Fall. Sind wir erst mal in Santa Katarina bzw. Florianapolis, dann sehen wir weiter.
Wir segeln mit Motorunterstützung schon fast zwei Tage, immer wieder mal kurze Etappen ohne Motor, wenn der Wind etwas kräftiger wird. Wir können unsere Lady sogar so gut trimmen, dass sie teilweise alleine fährt, als wüsste sie wohin wir wollen. Das geht aber nur unter sehr günstigen Bedingungen, gibt mir allerdings die Gelegenheit etwas länger zu schlafen. Es geht eigentlich alles ohne Probleme über die Bühne und wir kommen gut voran. Heute müssten wir eigentlich ankommen, denn wir haben nur noch 50 Meilen bis zum Ziel.
Es ist 3:30 Uhr, Annemarie steht am Ruder und der Motor brummt so vor sich hin. Mit einem mal, wie abgeschnitten bleibt der Motor stehen und macht keinen Mux mehr. Annemarie weckt mich sofort auf und sagt mir was passiert ist. Verdammt, auch das noch. Ich kontrolliere sofort alle Filter, denke schon wieder an schlechten Diesel oder Wasser im Tank. Aber nichts von alledem. Nur der Motor läuft eben nicht. Sofort begebe ich mich, nach nur 1½ Stunden Schlaf an die Arbeit. Wechsle erst mal alle drei Filter, entlüfte das ganze System und versuche nach fast 12 Stunden Arbeit den Motor zu starten. Der dreht zwar voll durch ist aber in keiner Weise gewillt anzuspringen. Immer wieder entlüfte ich die Leitungen und die Filter aber nichts geschieht. Der Motor springt einfach nicht an. Es kommt einfach kein Diesel bis zu den Einspritzdüsen. Nun versuche ich in meiner Verzweiflung etwas, was man eigentlich nicht tun soll, denn es könnte dem Motor schaden. Ich fülle eine Spritze mit Benzin auf und spritze sie in den Luftansaugkanal. Dann starte ich den Motor, der tatsächlich einige Umdrehungen läuft, bis der Benzin alle ist und tut dann nichts mehr. Mir sagt es jedenfalls, dass der Motor selbst in Ordnung ist. Ich überprüfe nochmal das gesamte System. Überall ist Diesel vorhanden, auch in der Einspritzpumpe. Jetzt schraube ich die Auslassleitungen am Pumpenaustritt ab, lasse den Motor durchdrehen. Kein einziger Tropfen Diesel verlässt die Pumpe. Schöne Bescherung. Diagnose: Einspritzpumpe hat das Zeitliche gesegnet. Wir stehen, im wahrsten Sinne des Wortes, ohne funktionierenden Motor da und zu allem Überfluss hat der Wind nach Nord gedreht, weht uns genau auf die Nase. Es dauert allerdings nicht sehr lange und wir haben Flaute. Ein Schiff das vorbei fährt funke ich an und bitte es die Küstenwache zu verständigen, damit sie uns nach Florianapolis oder in eine andere Marina schleppen können. Da wir im Moment eh nichts tun können es bereits Abends ist und wie gesagt in der Flaute stehen, Regnen hat es auch angefangen, legen wir uns hin und schlafen erst mal. Am nächsten Tag, die Küstenwache hat sich natürlich nicht sehen lassen, versuchen wir es mit segeln. Alles probiert, leider lassen die Verhältnisse nur eine Richtung zu und zwar zurück. Wir beratschlagen kurz was zu tun sei und entschließen uns trotz der nur noch 50 Meilen bis zum Ziel, umzukehren. Es geht alles sehr zäh und langsam, zum Teil nur mit 1½ Knoten dahin, trotzdem der Wind mit bis zu 15 Knoten weht. Die Strömungen sind hier wirklich zum Verzweifeln, vor allem wenn sie gegen einen stehen. Aber es geht alles vorbei, so auch dieses. Der Wind weht immer noch mit ca. 15 Knoten aus Nord etwas auffrischend bis auf 20 Knoten. Als ginge ein Ruck durch das Boot flitzen wir plötzlich mit sechs bis sechseinhalb Knoten dahin. Nur noch 165 Meilen bis zur Einfahrt der Lagune, wir sind bald da. Es wird nicht mehr lange dauern. Annemarie sagt plötzlich zu mir wir könnten doch Gummistrops an das Ruder binden, dann müsste das Boot doch den Kurs alleine halten können. Warum bin eigentlich ich nicht darauf gekommen? Gelesen habe ich das doch schon. Das hat Rollo Gebhardt in seinem Buch Seefieber doch genau beschrieben. Gesagt, getan und nach einigen Versuchen lief alles wie am Schnürchen. An beiden Seiten des Steuerrades jeweils einen Gummistrop angebracht, die richtige Spannung eingestellt und wir haben den schönsten Autopiloten. Das gibt uns beiden die Möglichkeit die Fahrt auch etwas zu genießen. Der Schlafmangel war damit fast behoben. Die Freiwache kann schlafen und die Wache muss nicht am Ruder stehen, sondern ab und zu mal einen Rundblick machen und den Kurs kontrollieren. So macht Segeln Spaß.
Zwei Uhr morgens Wachwechsel. Wir sitzen beide im Salon und machen uns über einen Imbiss her. Plötzlich ein Knall. Was war das? Annemarie macht die Deckbeleuchtung an und ich kontrolliere Wanten und Stagen. Verdammte Sauerei, das Vorstag hängt lose am Bugspriet. Der Haltebolzen ist aus der Halterung geflogen. Wie ist das möglich? Ich habe doch vor der Abfahrt alle Splinte gewechselt. Jedenfalls mache ich mich sogleich daran die Genua zu bergen. Zu allem Überfluss ist mal wieder die Verdrehsicherung für die Rollanlage am Masttop gebrochen. Diese Rollanlage ist der größte Mist den ich je erlebt habe. Diesmal hat sie nicht mal eine Woche gehalten. Nun die Genua ausrollen um sie bergen zu können ist damit fast aussichtslos. Trotzdem versuche ich es, denn am losen Vorstag kann das Segel nicht bleiben. Die Gefahr dass mir das komplette Vorstag samt Profile zerstört wird ist zu groß. Nach drei Stunden wirklich harter Arbeit habe ich es endlich geschafft und das Segel ist abgeschlagen. Das durchhängende Vorstag binde ich an der Reling fest. Annemarie kümmert sich um die Genua, die sie ebenfalls an der Reling befestigt. Nur gut, dass wir eine Kuttertakelung haben und so hält das Fockstag den Mast und wir müssen uns nicht mit einem Notrigg begnügen. Zwar geht es jetzt erheblich langsamer ohne Genua aber wir haben immerhin noch die Fock und können segeln. Wirklich gut, dass unser „Gummiautomat“ funktioniert und wir nicht auch noch ans Ruder müssen. So ist die physische und psychische Belastung relativ entspannt. Um den richtigen Kurs zu halten und die richtige Position für die Einfahrt in die Lagune zu erreichen müssen wir kreuzen, was unseren Weg um einige Meilen verlängert aber kaum ins Gewicht fällt. Immer wieder versuchen wir die Pilot Station in Rio Grande die auf Kanal 9 oder 10 zu erreichen ist anzurufen um um Schlepphilfe zu bitten. Nichts aber auch gar nichts rührt sich. Wir haben es in den letzten zwei Stunden bestimmt an die hundert mal versucht. Nichts! Es ist der erste Januar und die müssen wohl ihren Rausch ausschlafen. Es liegen jede Menge Containerschiffe auf Reede und so versuche ich diese zu erreichen. Gleiches Ergebnis. Nichts. Wir kommen der Einfahrt immer näher und müssen dann dort in der Hauptschifffahrtslinie der Großschifffahrt aufkreuzen was eine Gefahr für uns und die großen Pötte bedeutet.
Nun sind wir in der Einfahrt und beginnen in dieser aufzukreuzen. Es geht alles wie in Zeitlupe. Wir machen nur ein bis zwei Knoten, manchmal weniger. Wenn jetzt ein großer kommt ist es nicht möglich auszuweichen. Sicherheitshalber richte ich mir schon mal die roten Raketen her um auf uns aufmerksam zu machen. Plötzlich kommt ein riesiger voll beladener Containerfrachter aus der Einfahrt. Also arbeiten sie doch. Warum hat dann von diesen Holzköpfen keiner geantwortet. Wieder rufen wir die Pilot Station und wieder nichts. Unsere Funke ist aber definitiv in Ordnung, da ich ja während unserer Fahrt mit anderen gesprochen habe und auch auf Kanal 16 Leute quatschen höre. Da hier kaum einer englisch spricht habe ich den Verdacht, dass wenn jemand auf englisch ruft erst gar keiner an die Funke geht. Wobei sich dabei aber die Frage erhebt, wie unterhalten die sich mit der Großschifffahrt? Die sprechen doch nicht alle portugiesisch. Andererseits steht aber auch in den Seehandbüchern man soll sich vor der Einfahrt in die Lagune über eben diese Pilot Station erkundigen wie im Moment die örtlichen Gegebenheiten aussehen, da bei bestimmten Verhältnissen die Einfahrt kaum oder nicht möglich ist. Wie auch immer wir sind allein gelassen und auf uns selbst gestellt. Ich bin ganz schön am rudern. Von vorne der große Frachter und jetzt von achtern auch noch ein Fischerboot in schneller Fahrt. Als Annemarie das sieht stürzt sie sich an die Funke und ruft den Fischer an. Sie erklärt ihm in ihrem verhauten spanisch unser Problem. Sogleich verringert er seine Fahrt und dreht bei um uns eine Schleppleine zuzuwerfen. Annemarie geht ans Ruder und ich nehme die Leine auf und befestige sie. Im gleichen Moment zieht das Dickschiff in nicht all zu großer Entfernung an uns vorbei. Von einem auf den anderen Augenblick sind wir aus dem Schneider. Mit fünf Knoten werden wir in die Lagune geschleppt. Der Fischer nimmt uns mit bis nach Rio Grande wo er anlegt. Wir bleiben im Päckchen liegen und übernachten hier.
Am nächsten Morgen, es ist Sonntag, geht Annemarie zu Fuß zur Marina und versucht zu organisieren, dass wir in die Marina geschleppt werden. Nach zwei Stunden kommt sie mit einer Schaluppe und einem Marinero an, der uns dann in die Marina schleppt. Das wäre mal geschafft . fürs erste.
Als wir da sind erzählt sie mir, dass es gar nicht so einfach war die Schaluppe zu organisieren. Sie war so früh dran, dass das Büro noch nicht geöffnet war. Der einzige „Funcinario“ war der Pförtner und der weiß dass der Marinero, der die Schaluppe fährt heute frei hat und auch sonst niemand da sei. Das Büro wird erst in einer Stunde geöffnet werden. Selbst wenn Annemarie ihm hundert mal erklärt dass wir in die Marina geschleppt werden müssen, da der Fischer, bei dem wir im Päckchen liegen morgen in aller Frühe zum Fischen fährt und wir bis dahin weg sein müssen, kann er nicht helfen. Da kommt ein Auto an und drin sitzt einer der Bosse der Marina. Verwundert sieht er Annemarie an und fragt was los sei, da er ja weiß, dass wir doch schon weg sind. Sie erklärt ihm was passiert ist und dass wir Hilfe brauchen. Herr Meier, so sein Name sagt dem Pförtner, dass er Monica, die Geschäftsführerin anrufen soll und diese wiederum den Marinero in die Marina zitieren soll der uns dann schleppen kann. Mit etwas Glück, Durchhaltevermögen und der Hilfe von Herrn Meier kam dann schließlich doch noch ein „Schleppzug“ zu stande.

Heute ist Montag und wir wollen sehen was wir tun können um so schnell wie möglich wieder von hier weg zu kommen. Erst gehe ich ins Büro um alles zu klären und Gonzalo anrufen zu lassen. Der sagt er würde morgen kommen. Nein, lasse ich ihm klar machen, nicht morgen sondern heute. Na gut, dann heute Nachmittag. Er erscheint tatsächlich und wir machen uns an die Arbeit. Er kommt zu dem gleichen Schluss wie ich, die Pumpe ist hinüber. Da sie aber erst vor kurzem überholt wurde und ich eine Garantie von einem Jahr darauf habe, werde ich morgen mit Gonzalo zu der Firma fahren und dann sehen wir weiter.
Jetzt kümmere ich mich um das Vorstag. Um nicht auf den Mast steigen zu müssen nehme ich mir das Fernrohr und sehe mir den Masttop an. Nun haut es mich aus allen Wolken. Es kommt knüppeldick. Das 8 Millimeter dicke Vorstag ist direkt am Pressterminal gebrochen, was so viel heißt, es muss ein komplett neues Vorstag her inklusive neuem Terminal. Gleich sause ich nebenan zu unserem Freund Fabian und erkläre ihm, dass ich ein neues Vorstag brauche. Das gibt es nur in Porto Alegre, hier gibt es so etwas nicht. Diese Nachricht trägt nicht gerade zu einer Stimmungsbesserung bei. Also werde ich morgen das Vorstag abmontieren es genau ausmessen und dann soll Fabian ein neues bestellen, das dann per Kurier nach hier gebracht wird. Somit sind Annemarie und ich der Überzeugung, dass der Januar in Rio Grande bereits gesichert ist und wir bestimmt nicht vor Februar hier weg kommen. Von wegen schnell richten und in einigen Tagen wieder abhauen. Brasilien will und will uns einfach nicht loslassen.

Nachtrag: Soeben komme ich aus Pelotas zurück. Ich war bei der Firma, die mir im Februar letzten Jahres die Einspritzpumpe repariert hatte. Eine Inspektion hat ergeben, dass die Antriebswelle gebrochen ist. Also kein Garantiefall, dafür aber um so teurer. Alle Ersatzteile müssen erst besorgt werden, so dass dies eine langwierige Sacher werden wird. Ebenso die Besorgung für das Material für das Vorstag. Gestern rannte Annemarie den halben Tag in Rio Grande rum nur um Splinte aus Edelstahl zu finden. Passende Bolzen von 12 mm Stärke in Edelstahl sind überhaupt nicht aufzutreiben. So bald es hier um Edelstahl (Inox) geht, gehen hier die Lichter aus. Um nun dies alles regeln zu können auch die finanzielle Seite, wird es bestimmt Anfang März werden. So lange werde ich dann wohl weiterhin aus Rio Grande berichten
Dies ist wirklich ein toller Beginn des neuen Jahres. 🙁

Kommentare

Bei eurem Glück, denkt BITTE nicht daran, sich ein Flugzeug zu kaufen!!!

Oje, Oje! Ich drück Euch die Daumen!!! Toi toi toi und alles sonst noch, was Glück bringt!!!!

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