15.02.2012

Colonia – Uruguay

Colonia Uruguay 14.02.2012
Sonntag der 4. Februar 2012 morgens 5:30. Annemarie und ich erledigen die letzten Arbeiten um das Boot seeklar zu machen. Um 06:00 Uhr ist Hochwasser und da wollen wir raus aus Barlovento und in Richtung Colonia in Uruguay segeln. Es ist nicht besonders weit, nur 65 km. Warum ich die Entfernung in km angebe und nicht in Meilen? Ganz einfach, wir segeln auf dem La Plata und das ist ein Fluss. Auf Flüssen wird die Entfernung mit km angegeben. So weit so gut. Nun eine kleine (subjektive) Wetterkunde. Der Sommer ist in Südamerika die Regenzeit. Trotzdem hat es hier im Süden zumindest in diesem Jahr sehr wenig, zu wenig, geregnet. Hunderte von Kühen sind bereits auf den Weiden verdurstet. Es ist ein schlechtes Jahr für die Landwirtschaft. Ich will nicht zu weit abschweifen. Also, trotz Regenzeit regnet es sehr wenig. Wochenlang scheint schon die Sonne, unterbrochen von kurzen Regenschauern so ein bis zweimal die Woche. Aber ausgerechnet heute wo wir nach Colonia segeln wollen regnet es. So was nennt man Schicksal. Vor allem dann, wenn man den ganzen Weg am Ruder stehen muss. Aber es ist nicht so schlimm wir sind im Cockpit relativ gut geschützt.
Die flachen Stellen, bei denen wir bei der Hinfahrt nach Barlovento gebibbert haben, da das Echolot dauernd auf Null stand, sind diesmal sehr entspannend, da wir so viel Hochwasser haben dass es nie weniger als 30 cm unter dem Kiel sind. Eigentlich verläuft die ganze Fahrt ziemlich ereignislos bis auf einen Umstand, dass die Zugleine der Genua-Rollanlage von der Rolle springt und sich darunter hoffnungslos verklemmt. Kopfüber hänge ich an der äußersten Spitze des Bugspriets, wie ein Liebhaber an seiner Angebeteten – oben klammern, unten fummeln- und versuche die verklemmte Leine zu lösen. Über eine Stunde. Dann greife ich zu drastischen Mitteln. Ich besorge mir ein Messer und schwupps, das Problem ist gelöst, eine neue Leine schnell wieder eingezogen. Klatschnass, denn es hat die ganze Zeit genieselt, verziehe ich mich unter Deck und ziehe mich um. Die Stunde kopfüber und die auf und ab Bewegungen von jedes mal 1,5 -2 Metern bleiben nicht ohne Folgen und ich opfere Neptun. Egal, war eh bloß das Frühstücksmüsli. Soll er es haben.
Am frühen Nachmittag erreichen wir Colonia und legen uns vor Anker. Ach ja, bevor ich es vergesse. Die Wolken sind sehr dünn geworden und die Sonne kommt wieder raus während wir noch Ankermanöver fahren.
Drei Tage später. Wir sitzen, es ist schon lange dunkel, im Cockpit und beobachten das Wetterleuchten am Horizont. Blitze zucken fast im Sekundentakt. Man hört keinen Donner, dafür ist alles zu weit weg. Allerdings baut sich eine dicke schwarze Wolkenwand am Horizont auf, die man trotz der Dunkelheit erkennen kann. Langsam wird die Luft kühler, den ersten Donner kann man schon hören. Es dauert nicht mehr lange, ein Windstoß und sogleich fängt es an zu regnen und das Gewitter tobt sich aus. Die Windböen erreichen 30 Knoten (55-60 km/h) und das Boot wird durchgerüttelt. Alles nicht schlimm aber nach so langer Liegezeit in der Marina doch wieder etwas gewöhnungsbedürftig. Aber gelobt sei was hart macht. Das Gewitter ist nach etwa 2 Stunden vorbei aber der Wind bleibt die ganze Nacht. Das Boot schaukelt und reißt an der Ankerkette. Der Schlaf ist etwas unruhig, denn ein Ohr ist immer an Deck. Einige male stehe ich während der Nacht auf und prüfe anhand der Lichter an Land ob wir noch an der gleichen Stelle liegen. Kein Problem, der Anker hält.
Am nächsten Tag, im Laufe des Vormittags, der Wind hat etwas nachgelassen, es weht nur noch so mit 20 Knoten, bemerken wir, dass wir slippen. Verdammt was ist los? Wieso hält der Anker nicht mehr obwohl der Wind erheblich leichter geworden ist? Sogleich den Motor angeworfen und so schnell wie möglich den Anker hoch geholt. Inzwischen sind wir schon so weit in Richtung Land getrieben, dass wir Bodenberührung haben. Eine Boje die direkt neben uns liegt wird eingefangen und ein Festmacher durchgezogen, so dass wir nicht weiter abtreiben können. Annemarie ist am Ruder und sie gibt Vollgas, der Dreck wirbelt auf aber wir kommen, obwohl gegen den Wind, wieder frei. Ich löse den Festmacher von der „Notboje“ und Annemarie steuert eine der zahlreichen Bojen im tieferen Wasser an um daran fest zu machen. Obwohl Annemarie die Boje zielgenau ansteuert, erwische ich den Ring an der Boje nicht um den Festmacher einzufädeln. Endlich, nach dem dritten Versuch klappt es. Da das Boot aber noch etwas Fahrt hat muss ich den Festmacher ziemlich lang auslegen. Der Erfolg dabei ist, dass sich unsere Lady quer zum Wind legt und die Boje gegen den Rumpf knallt und uns einige Schrammen an der Lackierung verpasst. Wir müssen unbedingt die Boje so nah an das Boot holen, dass sie am Bug und nicht auf der Seite am Schiff zu liegen kommt. Der Versuch mit „Manneskraft“ das Boot zu bewegen scheitert kläglich, da der Winddruck zu groß ist. Riesig wird des Menschen Kraft, wenn er mit Verlängrung schafft. Und zwar in Form einer Winde. Wir legen den Festmacher um die Mastwinsch und drehen damit unser Boot in die richtige Richtung. Mit zwei Festmachern festgemacht und einen dritten als Sicherheit liegen wir an der Boje. Der Sieg ist unser.
Das ganze Manöver ist ruhig und ohne Hektik abgelaufen. Annemarie und ich sind in der Zwischenzeit schon so gut eingespielt, dass dabei weder zu großer Stress aufkommt noch zu viel Adrenalin ausgeschüttet wird. In unserer Anfangszeit hätten wir ein erheblich größeres Problem damit gehabt. Man wird eben älter und abgeklärter:-).
Eigentlich wollten wir den Rio Uruguay hoch segeln und von dort in den Rio Negro. Wollten. Wie so oft kommt es mal wieder anders als gedacht. Meine Bilge ist voll Wasser und das muss einen Grund haben. Hat es auch. Die Stopfbuchse, die die Propellerwelle gegen eindringendes Wasser abdichten soll leckt. Also ist „Action“ angesagt. Das Schiff muss aus dem Wasser, die Welle ausgebaut und neu abgedichtet werden. Die Angelegenheit ist nicht billig, kostet das bei mir eingebaute System in Deutschland schon ca. 300 € und ist außerdem in Südamerika nicht zu bekommen. Bis das von Deutschland kommt, die Fracht und der Zoll bezahlt sind schlagen gut 500 € zu Buche. Ganz zu schweigen was Kranen und Landliegeplatz kosten. Also spielen wir eben „Konsumverweigerer“ und bauen uns eine Wellenabdichtung selbst. Franz von der Scorpio, der ebenfalls hier in Colonia ist und den wir damals in Piriapolis kennen gelernt haben, hat mir eine Zeichnung gemacht, wie man eine Wellenabdichtung selbst konstruiert. Ohne „Ablaufdatum“ oder „Sollbruchstellen“ wie in den kommerziellen Dichtungen. Sollte bei diesem System wirklich mal was undicht werden, so müssen nur zwei Simmerringe gewechselt werden und nicht gleich das ganze drum herum.
Da wir hier an der Boje liegen haben wir weder Wasser noch Strom von Land. Wasser haben wir genug gebunkert aber Strom, den müssen wir uns selber „machen“. Dafür haben wir einen Generator um die Batterien zu laden. Nach ungefähr einjähriger Standzeit, wir hatten ja immer Landstrom, muss unser Knatterton wieder arbeiten. Ich drücke auf den Startknopf und sofort springt er an, läuft etwa zehn Sekunden und gibt die Arbeit auf. Was ist nun schon wieder los? Schnell die Leitung an der Einspritzpumpe aufgeschraubt, den Motor durchdrehen lassen und schon weiß ich was los ist. Es kommt kein Tropfen Diesel aus der Leitung. Da in Brasilien eine neue Einspritzpumpe eingebaut wurde, kann diese wohl kaum defekt sein, vielmehr vermute ich, dass sich nach der langen Standzeit Dreck vom Diesel in der Pumpe abgesetzt hat und deshalb diese verstopft ist. Da muss ich wohl den Generator bzw. dessen Motor ausbauen und zu einer Fachwerkstatt bringen, die sich mit Einspritzpumpen auskennt. Der letzte Versuch die Pumpe selbst zu reparieren endete mit einer neuen Einspritzpumpe. Das muss nicht sein.
Hier in Uruguay bzw. Colonia gibt es keine Möglichkeit diese Reparaturen durchzuführen. Also werden wir wohl in nicht all zu langer Zeit wieder zurück nach Argentinien segeln. Für Abwechslung und reichlich Arbeit ist gesorgt.

Kommentare

Immer wieder was Neues und unvorhergesehene Dinge. Daran gewöhnt man sich ebenso, wie an die ständigen Reparaturen. Iregendwie kenne ich das.
Viele Grüße und schreibt schön weiter!
Rainer – von der Tongji

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