16.02.2012

Fassungslos

Langzeitsegeln
Segeln kann so schön sein. Sonne, weißer Strand, auf einer Insel ganz alleine, blaues Wasser auf dem Meer, grünes Wasser in der Lagune und natürlich einsamer weißer Korallensand so weit das Auge reicht. Ein Leben wie im Bilderbuch. Ein Leben im Paradies.
Dies ist Klischee, wie es aber im „wirklichen“ Leben aussehen kann das beschreibt folgender Bericht, der mir von Rene´und Viola von der Segelyacht Svenya zugeschickt wurde. Nachfolgend der Bericht im Original.

„Trauma“
11. September – Ende 2011

Ribeira

1.jpg
In der kleinen Piermarina, acht Kilometer vom Zentrum von Salvador de Bahia entfernt, habe ich mich Mitte September mit dem Rest der Crew, Sina + Piria, eingerichtet. In dieser Marina wird jede Crew mit einem exotischen Fruchtsaft willkommen geheissen. Eine noble Geste die einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Hier wartete ich die Rückkehr von Viola und die Ankunft von Benno ab. Die Zeit habe ich genutzt um einige Wartungsarbeiten auszuführen und meine Zahnentzündung zu kurieren.
Benno ist ein Seglerkollege aus Möhlin der den Bau der „SVENYA“ in der Endphase begleitet hat. Er wollte mit uns nach Fortaleza segeln.

Nachdem Mitte Oktober unsere Crew mit unserem Gast Benno vollständig war folgte die erste Überraschung. Viola wollte an einem Bankomat Geld beziehen. Bei der ersten Bank waren zwei Versuche erfolglos. Eine Viertelstunde später bei der nächsten Bank kam die Meldung: Karte gesperrt! Noch gleichentags konsultierte ich via Internet mein Bankkonto. 2.jpgWelch ein Schreck: Mein Konto wurde gleichentags in 18 Transaktionen um beinahe 10`000 sFr geplündert. Bei einem sofortigen Anruf der Kartengesellschaft wurde mir eröffnet: Ihre Karte wurde von Kriminellen profimässig kopiert! Dies obwohl die fraglichen bankinternen Bankomaten 24 Stunden bewacht werden und wir die Karte nie aus der Hand gaben. Kurz was folgte: Bangen um das Geld, Polizeirapport, Schadenrapport, diverse Telefone und Mails mit der Bank und suchen nach einer zuverlässigen Adresse für die Zustellung der neuen Karte. Nach einer Woche der Ungewissheit die erleichterte Meldung: Unser Geld ist nicht verloren.

Am 27. Oktober war es dann endlich so weit und wir konnten zusammen mit Benno Ribeira verlassen, nicht ohne eine Visitenkarte unseres Besuches zu hinterlassen. Jede Yacht hinterlässt eine mehr oder weniger phantasievolle Zeichnung. Bei dieser Gelegenheit haben wir die gestalterischen und zeichnerischen Fähigkeiten von Benno kennen gelernt (siehe oben).3.jpg Auch die Marina hatte uns ein nicht willkommenes Geschenk. Unser Unterwasser hatte in den fünf Wochen einen Pelz von sage und schreibe drei Zentimeter angesetzt. Deshalb versetzten wir uns in saubere Gewässer nach Itaparica um diesen unerwünschten Bremsklotz zu entfernen.

So haben wir es uns nicht vorgestellt

Am 1.11. war es so weit und wir setzten unter guten Voraussetzungen Segel um unsere Reise Richtung Norden fortzusetzen. Wind aus OSO und Wellen aus derselben Richtung kündigten eine angenehme und gute Fahrt an. In den späten Abendstunden hatten wir bereits 70 Seemeilen zurückgelegt und die Bordroutine pendelte sich ein. 4.jpgKurz vor Mitternacht lief die „SVENYA“ aus dem Kurs und ich wollte mit der Stirnlampe bewaffnet die Selbststeueranlage kontrollieren.

Zwischenbemerkung
Ich habe mir lange überlegt ob ich die Ereignisse der nachfolgenden elf Tage in den Reisebericht aufnehmen soll. Sie sind derart dramatisch und könnten aus einem überzeichneten Drehbuch stammen. Wenn ich es trotzdem mache, will ich zeigen die Realität sieht manchmal anders aus. Langzeitsegeln bedeutet nicht immer Sonnenschein und kühle Drinks unter Palmen am weissen Sandstrand!

Auf dem Achterdeck konnte ich im ersten Moment nichts Anormales feststellen. Plötzlich bekam ich einen Schlag auf den Kopf. Nach einem kurzen Moment der Benommenheit sah ich viel Blut auf meinem T-shirt und dem Deck unter mir. Zudem konnte ich nur noch lallend den inzwischen von Viola alarmierten Benno um Hilfe bitten. Auf allen Vieren kroch ich unter seiner Mithilfe ins Cockpit zurück. Erbrechen und starker Blutverlust waren die äusseren Anzeichen einer Kopfverletzung. Nun mussten die Beiden das Kommando übernehmen und über den nächst möglich anzulaufenden Hafen entscheiden. In Anbetracht der Wetterlage bot sich nur das 200 Seemeilen entfernte Maceio an. Die Beiden befanden sich in einer sehr ungemütlichen Lage. Glücklicherweise handelten sie ruhig und besonnen. Unter meiner spärlichen Mithilfe erreichten wir nach 60 Stunden am 4.11. morgens um neun Uhr den Hafen von Marceio. Inzwischen war mein Kopf blutverkrustet, die rechte Gesichtshälfte blutunterlaufen und das rechte Auge zugeschwollen und somit unbrauchbar. Westlich des Industriehafens übernahm ich das Ankermanöver was sich später als folgenschwere Fehlleistung erweisen sollte. Im anschliessend aufgesuchten Spital stellte man anhand eines Computertomogramms einen Schädelbruch fest der einen dringenden Eingriff erforderte. Der zugezogene Traumatologe konnte die Umstände kaum glauben. Seiner Ansicht sei ein solcher Vorfall mit nicht rechtzeitiger ärztlicher Versorgung tödlich. Viola und Benno machte er für ihr Verhalten grosse Komplimente. Die Operation wurde für drei Uhr nachmittags angesetzt. Was nun folgte kann man kaum nachvollziehen. Die Spitalleitung errechte die Kosten: 94`000 RS (entspricht 47`000 sFr, oder 39`000 Euro) für Operation und Spitalaufenthalt. Nun begann ein Feilschen zwischen der Krankenkasse, der Spitalleitung und Viola das sieben Tage dauern sollte!!!!! Viola war oft am verzweifeln. Die erste Nacht verhandelte sie bis 22.00 Uhr ehe sie entkräftet neben mir auf einem Sessel einschlief. Benno konnten wir nicht erreichen und mussten ihn im Ungewissen lassen. Hätte ich gewusst was sich draussen abspielt, hätte man mich trotz Verletzung nicht halten können und ich wäre auf die „SVENYA“ geeilt. Während sieben Tagen lag ich unter misslichen Umständen in der Notaufnahme im Ungewissen, denn von Tag zu Tag wurden angesetzte Operationstermine verschoben und ab dem dritten Tag musste ich mir stückweise Horrormeldungen betreffend der „SVENYA“ anhören. Viola und Benno wollten mich in meinem kritischen Zustand nicht zu sehr belasten und erzählten mir nur scheibenweise von den Vorkommnissen nach meiner Spitaleinweisung.

Strandung

In der Nacht nach meiner Einlieferung kam Sturm aus Südost mit starkem Wellengang auf. Die „SVENYA“ ging auf Drift Richtung Strand. Ein Horrorszenario für jeden Skipper. 5.jpgMorgens um 03.00 Uhr strandete sie definitiv ohne dass Benno der sich noch an Bord befand etwas unternehmen konnte. Zu diesem Zeitpunkt verlangte die anwesende Küstenwache Benno solle aus Sicherheitsgründen das Schiff verlassen und sich in ein Hotel begeben das er aus Sorgen um die „SVENYA“ nach drei Stunden wieder verliess. Während diesen drei Stunden wurde die Küsten-wache ihrer Aufgabe nicht gerecht. Standräuber suchten das Schiff heim und raubten diverse Sachen. Die Bezeichnung Küstenschläfer statt Küstenwache wäre im vorliegenden Fall angebrachter!
Nun hatten wir nicht nur Schäden unbekannten Ausmasses sondern mussten auch noch den Verlust wichtiger Gegenstände beklagen.

Nach der Bergung kam die „SVENYA“ an eine Boje des Motor- und Segelboot Clubs Marceio. Das Clubgelände lag zwischen zwei Favelas und das Wasser in dieser Bucht eine stinkende schwarze Brühe. Anlanden mit dem Dingi war nur möglich beim Club und da musste das Dingi sofort hinter die Umzäunung gebracht werden, denn die Langfingerzunft beobachtete jeden unserer Schritte und war jederzeit bereit dein Eigentum auf Nimmerwiedersehen verschwinden zu lassen. Dies war der erste Ort wo wir mit diesem Problem konfrontiert wurden. Im Club wurden wir herzlich aufgenommen und man liess uns jegliche Hilfe angedeihen.

Am 8.11. um neun Uhr brannte mir die Sicherung durch. Ich fühlte mich wie ein Gefangener ohne Anklage, vom Anwalt verlassen und von der Gesellschaft vergessen. Seit vier Tagen lag ich auf einem steinharten Bett, konnte nicht schlafen, musste mir das Stöhnen ständig neuer Notfallpatienten anhören und hatte das Sonnenlicht nicht eine Sekunde gesehen. Ich nahm meine kleine Tasche, mehr hatte ich nicht, und begab mich auf die Suche nach dem Spitaldirektor. Das Spital gleicht einem Irrgarten. Nach langem Suchen stand ich vor ihm und versuchte in meinem holprigen Portugiesisch zu erklären warum ich nun auf mein Schiff gehe. Er verstand nichts, nahm vermutlich an einen Irren mit einem ihm vertrauten Turban auf dem Kopf vor sich zu haben. Er verlangte meinen Namen und begann zu telefonieren. Nach wenigen Minuten traten zwei hübsche Brasilianerinnen ins Büro, erklärten mir in einem guten Englisch sie seien Dolmetscherinnen und wollen mir helfen. Nachdem mein Problem dem Direktor übersetzt wurde setzte er eine verständnisvolle Mine auf und begann in väterlicher Art auf mich einzureden. Ich solle Ruhe bewahren, alles werde gut und es sei nur noch eine Frage von wenigen Stunden bis alles geklärt sei. Was konnte ich anderes tun, noch war kein Flick auf dem Loch in meinem Dach?

Aus den wenigen wurden 72 Stunden. Am 11.11. in der Früh endlich die erlösende Nachricht die Operation sei definitiv auf abends 18.00 Uhr angesetzt. Die Krankenkasse blieb in ihrer Kostenzusage hart und die Spitalleitung wie auch der Chirurg machten Abstriche. Als Laie kann ich nicht beurteilen was richtig war. Tatsache war, der Chirurg wollte aus welchen Motiven auch immer diese Operation durchführen. Nach drei Tagen Intensiv- und vier Tagen Pflegestation konnte ich das Spital mit einem reparierten Dach verlassen. Der Chirurg machte von den verschiedenen Stadien der Operation Bilder des offenen Schädels für sein Poesiealbum. Um niemanden zu erschrecken trug ich fortan ein Laudakäppi mit dem Unterschied keinen Heller dafür zu bekommen.

Auf dem Schiff zurückgekehrt musste ich feststellen unter welch schlechten Bedingungen Viola und Benno die letzten zwei Wochen verbringen mussten. Auf dem Schiff funktionierte nichts mehr. Die Stromversorgung war ausgefallen, somit hatten die Beiden weder Licht noch Wasser noch konnten sie kochen. Ein Segler des lokalen Clubs bescheidene Malzeiten herrichten konnten. Weiter musste ich zur Kenntnis nehmen, dass ein erster Bergungsversuch durch Fischer ausser grossen Kosten nichts brachte. 6.jpgErst der Einsatz eines Pilotbootes des Industriehafens konnte am Folgetag unser Schiff in tiefere Gewässer ziehen und an einer Boje festmachen. Und dies kostenlos! Dieser Einsatz wurde landesweit im Fernsehen ausgestrahlt und die Arbeit der Lotsen in höchsten Tönen gelobt. Treibende Kraft war Mister Rodrigez, so wollte er angesprochen werden. Ein herzensguter Mensch der viel für uns tat. Mich wollte er nur mit Captain ansprechen.

Weiter musste ich den Totalverlust unseres Dingis mit Motor, Navigationsmittel und zwei Computer mit den Navigationsprogrammen verdauen. Nicht zu vergessen die Sachen die gestohlen wurden und zum Teil nicht mehr beschafft werden können. Ich war am Boden zerstört. Kann man so viel Pech auf ein Mal haben? Womit habe ich das verdient? Wären Viola, Benno, Sina und Piria nicht gewesen, ich hätte den ganzen Bettel hingeworfen! Ich hatte keine Kraft mehr und war vollkommen demotiviert.

Obwohl ich nach der Operation sehr schwach war musste ich mich an die Arbeit machen. Als Erstes erstellte ich zusammen mit Benno eine Schadens- und Verlustliste. Es war niederschmetternd und zum Heulen. Als Nächstes erstellte ich Provisorien um wieder Licht und fliessendes Wasser in die Bude zu bekommen und Kochen wieder möglich wurde. Dann Erstellung einer Materialliste um das Schiff wieder fahrtüchtig zu machen. Marceio ist Provinz und nichts von dem was ich benötigte konnte da beschafft werden. Salvador war der nächst mögliche Ort um maritimes Material zu beschaffen. Ich war unter Druck, zwei Tage nach der Spitalentlassung war ein Flug nach Salvador gebucht um meinen Zahnarzttermin einzuhalten, die Maestroersatzkarte abzuholen damit wir wieder zu Geld kamen und der Einkauf des dringend benötigten Materials.

Während meiner Abwesenheit leistete Benno Viola Gesellschaft und am 27.11. war sein Brasilienabenteuer beendet und er kehrte wieder auf sicheren Schweizerboden zurück. Lieber Benno, herzlichen Dank für all was Du für uns getan hast und vor allem deine Geduld und das Verständnis. Ich werde mich bemühen zumindest einen Teil in irgendeiner Form zurückzugeben.

Nach Bennos Abreise und meiner Rückkehr weilten wir noch zwei Wochen in Maceio um die „SVENYA“ segeltüchtig zu machen. Während dieser Zeit stiessen das nette Schweizersegelpaar Christa und Marcel mit der „Deception“ zu uns.

Die Beiden haben wir auf Itaparica kennen gelernt wie bei uns die Welt noch in Ordnung war. Sie haben uns nach unserem Desaster mit Rat und Tat geholfen und uns eine seriöse Winschkurbel sowie ein Fernglas ausgeliehen. Da ihr Ziel Trinidad ist werden die beiden Teile bald wieder am anstammten Platz verstaut werden können. Herzlichen Dank für die Hilfe.7.jpg

Die Frage die sich jedermann und ich auch mir stelle: Was war die Ursache? Ich habe es versucht zu rekonstruieren ohne eine endgültige Antwort zu finden. Entweder war es der Besanbaum oder das Gegengewicht der Selbststeueranlage. Ich „grüble“ nicht weiter. Tempi passati.

Welches sind die Folgen meines Unfalls? Die anfänglich hässliche Narbe ist kaum mehr zu sehen und wird von meinem Pelz verdeckt. Das Laudakäppi brauche ich nicht mehr. Die Sprechprobleme sind etwas geringer. Ob sie gänzlich verschwinden kann niemand voraussagen. Selbst bei geringen Anstrengungen werde ich seither sehr müde. Ein sehr störendes Problem sind die beiden Knies. Sie sind kraftlos und schmerzen ständig. Vielleicht ändert sich da auch noch etwas zum Positiven.

Sonntag den 19. Dezember haben „Deception“ und wir Anker gelichtet und das 200 Seemeilen entfernte Jacare (bei Joao Bessoa) angesteuert. Position: 07˚ 02.154S 034˚ 51.34N. Es war eine wunderbare Fahrt mit mässigem Passatwind und ohne nennenswerten Zwischenfall. Hier feierten wir bei 33 Grad das Weihnachtsfest und nahmen via Internet Kontakt mit unseren Lieben zu Hause auf. Nebenbei beschäftigen uns nach wie vor die Mängel und Schäden am Schiff.8.jpg

Anfangs Januar werden wir wieder in See stechen um das 1400 Seemeilen entfernte Französisch Guayana anzusteuern. Wer weiss, vielleicht lassen sie zu unserer Begrüssung eine Rakete steigen. Bis April sollten wir es schaffen Trinidad zu erreichen.

Wir wünschen Euch einen guten Rutsch ins neue Jahr. Gesundheit und Zufriedenheit mögen Eure treuen Begleiter in den nächsten zwölf Monaten sein.

Liebe Grüsse

René (Sven), Viola, Sina + Piria


Jacare, 30.12.2011

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