8.04.2014

Brasilien hat uns wieder

Viele, vor allem Nichtsegler können es gar nicht glauben dass auch Langzeitsegler mal Urlaub brauchen. Die allgemeine Meinung tendiert doch dahin, dass man eh schon das ganze Jahr Urlaub macht. Sonne, Wärme, blaues Meer und einsame unbewohnte Inseln. Ist das nicht ein schönes Klischee? Ganz bestimmt. Leider aber stimmt das Klischee in den seltensten Fällen mit der Realität überein und deshalb braucht der eine oder andere mal eben einen Tapetenwechsel.
Unser dreimonatiger Tapetenwechsel ist zu Ende und wir müssen wieder zurück zu unserem „Heim“, das in der Nähe von Rio de Janeiro auf uns wartet. Jeder, oder besser jeder Langzeitsegler, kann sich vorstellen, dass für uns Deutschland inzwischen zum Schlaraffenland geworden ist. Die Artikel, angeboten in überquellenden Regalen, machen teilweise die richtige Auswahl sehr schwer. Ich meine jetzt nicht unbedingt Lebensmittel, die natürlich auch, sondern eher Technik und Elektronik. Uns so sieht dann auch unser Fluggepäck aus. Wir schleppten zu zweit drei große Sporttaschen auf Rollen drei Rucksäcke und eine große Tasche „getarnt“ als Handgepäck. Mit zwei Rucksäcken, einen vorne, einen am Rücken und die zwei rollenden Sporttaschen schleppe ich mich durch den Münchner Hauptbahnhof. Annemarie ist nicht viel besser dran mit der dritten Roll-Sporttasche bzw. Rollkoffer den sie hinter sich herzieht und mit einem Rucksack auf dem Buckel und eben der „getarnten“ Handtasche umgehängt auf der Schulter. Ich sehe mich schon mal um nach dem Waggonfolgeplan (was ein Wort) um zu sehen wohin und wo unsere reservierten Plätze sind. Wagen 21 also am Ende des ersten Zuges. Es sind nämlich zwei Züge zusammengehängt. Einer nach Frankfurt der andere nach Essen. Der Zug fährt ein und wir latschen durch die gesamte Länge des Bahnhofs so ca. 400 Meter. Wir deponieren das Gepäck am Bahnsteig und warten bis wir einsteigen können. Ich suche nach Wagen 21. Nicht da! Wir stehen vor Wagen 36. Ich renne zur Tafel mit dem Waggonfolgeplan und sehe nochmal nach. Nein, wir sind demnach nicht verkehrt. Aber wenn ich mir die Waggons ansehe sind sie genau entgegengesetzt nummeriert. Soll heißen wir müssen die 400 Meter wieder zurück. Also Gepäck aufnehmen und zurückgeschleppt. Wir kommen total fertig und verschwitzt am Wagen 21 an als plötzlich die Nummer 21 auf Nummer 36 umspringt. Ich stehe kurz vor einer Explosion. Also das ganze wieder zurück und nochmal die insgesamt 80 Kilo Gepäck die gefühlten 3km geschleppt. Nun aber gehen endlich die Türen auf und wir können rein. Die hintere Tür des Waggons vor der wir stehen ist nicht benutzbar. So steht es auf dem Schild und wir kriechen den Waggon entlang zur vorderen Tür. Endlich, wir sind drin. Wo aber glaubt ihr wo unsere Plätze sind? Richtig, am anderen Ende des Waggons, genau dort wo die Tür nicht aufgeht. Dafür haben wir aber jetzt unser Gepäck in den dafür vorgesehenen Platz deponiert. Die anderen Fahrgäste werden sich freuen, denn unsere Klamotten nehmen nämlich den gesamten dafür vorgesehenen Platz ein. Den Rucksack mit dem Laptop deponiere ich in der Gepäckablage über mir. Passt nicht ganz rein weil diese zu klein ist oder der Rucksack zu groß. Kommt auf die Sichtweite an. Endlich fährt der Zug ab und wir rollen in Richtung Frankfurt aus dem Bahnhof. Das Gerumpel über die zahlreichen Weichen dauert nicht lange und schon fliegt der Rucksack samt Laptop von oben runter, mir auf die Schulter und kommt am Boden zu liegen. Klar, dass ich die Aufmerksamkeit des ganzen Waggons auf meine Person lenke. Wollte immer schon mal im Mittelpunkt stehen. Nur blöd, dass es gerade jetzt ist.Die weitere Fahrt bis Frankfurt verläuft ruhig und entspannend. Wir fahren beide gerne mit der Bahn, vor allem wenn wir wenig oder kein Gepäck mit haben. In Frankfurt Flughafen müssen wir uns sputen um mit dem ganzen Gepäck aus dem Zug zu kommen bevor er weiterfährt.
Gott sei Dank gibt es im Frankfurter Bahnhof Gepäckwagen welchen wir uns gleich besorgen. Die zwei Euro Pfand bekommt man dann wieder wenn man den Wagen zurück bringt bzw. diesen beim nächstgelegenen Automaten deponiert.Wir gehen sogleich zum einchecken. Der Flug geht erst in vier Stunden. Ach ja, die haben rationalisiert und man muss, bevor man das Gepäck abliefern kann sich erst selbst am Automaten einchecken. Aber man ist ja auch im hohen Alter noch lernfähig:-).
Die Fluggesellschaft TAM hat einen extra „Seniorenschalter“. Dort zeigen wir unsere am Automaten gezogenen Bordkarten vor. Dabei kommen wir mit dem freundlichen (brasilianischen) Herrn ins Gespräch. Als er die Karten betrachtet zerreißt er er sie einfach. Was soll das nun sein? Er meint, wir wollen doch sicher einen Platz mit mehr Fußfreiheit. Natürlich wollen wir. Also bekommen wir einen Platz in der ersten Reihe. Der weitere Vorteil: der Platz ist gleich hinter der Bordküche und wir bekommen immer als erste unser „Bordfutter“. Ist doch super oder?
Die zehn Stunden (Nacht) Flug sind langweilig wie immer, denn es gibt keine deutschsprachigen Filme an Bord. Vor zwei Jahren gab es diesen Service noch. Aber wir haben es beide überlebt und landen in Sao Paulo. Jetzt wird es spannend, denn wir müssen den Flughafen wechseln. Also Gepäck abholen und durch den Zoll. Beim Zoll geht alles glatt, keiner will wissen was in den Koffern ist. Alles vollgestopft mit Technik und Elektronik. Hätte teuer werden können. No risk no fun.
Jetzt die Emigration. Dazu die Vorgeschichte. Als wir vor drei Monaten unseren Aufenthalt verlängern lassen wollten ging das nicht. Es werden nur noch drei Monate ohne Verlängerung genehmigt. Damit ist es so gut wie unmöglich (legal) Brasilien als Segler zu besuchen und das Land zu bereisen. 4000 Meilen (ca. 7500km) Küste in der kurzen Zeit abzuklappern ist uninteressant. Also bleiben die meisten Segler fern außer denen die um das Kap wollen. Die donnern dann durch und machen Halt in Uruguay oder Argentinien. Also weiter mit der Geschichte. Als wir damals verlängern wollten hieß es nein und im übrigen hätten wir ja schon 70 Tage überzogen. Das kostet Strafe und zwar 1100 Riales (ca. 360€) und wir müssen ausreisen und dürfen erst in einem viertel Jahr wieder einreisen. Aber, so sagte uns der Beamte, zu zahlen sei erst bei der Rückkehr aus Deutschland. Damit gab er uns ein Dokument in die Hand, welches wir bei der Passkontrolle unaufgefordert vorzuzeigen hätten. Kein Problem weder bei der Aus- noch bei der Einreise. Ehrlich wie wir nun mal sind zeigen wir jetzt bei der Einreise das Dokument vor und haben die in Deutschland teuer gekauften brasilianischen Moneten bereits in der Tasche. Die Dame liest sich das Schreiben durch und verschwindet für 20 Minuten. Sie kommt wieder, überreicht uns das Papier und meint „depois“, also später. Ich frage „quando depois“ wann später. Sie wiederholt nur depois und wir sind mit abgestempelten Pass entlassen. So, nun können die sich aber ihre „Dineros“ von mir aus an die Wand nageln. Ich melde mich diesbezüglich nicht mehr. Wir jedenfalls sind für die nächsten drei Monate mal wieder legal in Brasilien.
Wir sind zwar eingereist und am Flughafen Sao Paulo International. So weit so gut. Nun aber geht es innerhalb von Brasilien weiter. Wir müssen erst nach Rio de Janeiro und dann 150km weiter nach Angra dos Reis wo unser Boot liegt. Für uns heißt das: Gepäck abholen und alles zum Busbahnhof schleppen, denn dort steht der Bus zum Inlandsflughafen der ca. zwei Busstunden von unserem Ankunftsflughafen entfernt ist.
Wir sind gut an unserem neuen Standort angekommen und der Flug geht in zwei Stunden. Wir aber beschließen den Flug verfallen zu lassen und mit dem Bus die 400 Kilometer nach Rio de Janeiro zu fahren. Beide haben vom Fliegen genug. Gepäck schleppen, einchecken, Gepäck abgeben. Bei Ankunft am Band auf das Gepäck warten, einen Bus suchen der nach Angra dos Reis fährt usw. Es reicht einfach. Wir stehen direkt vor dem Bus der nach Rio fährt. Die fünf bis sechs Stunden Fahrt kostet für uns beide nochmal 140 Riales (ca.45€) aber das ist es uns wert.
Wir sitzen im Bus besser und bequemer als im Flugzeug und betrachten die Landschaft die an uns vorbeizieht. Der direkte Bus bis Angra dos Reis fährt geht leider erst morgen wieder. Also fahren wir bis Rio und steigen dort um. Acht Stunden später sind wir auf unserem Boot.

Der nächste Tag. Das Licht gestern Abend war schon sehr schwach. Ich beschließe aber die Ursache auf heute zu verschieben. Eine Spannungsprüfung bringt fürchterliches zutage. Die großen Verbraucherbatterien mit 2x185Ah sind tiefentladen und haben unter 10V. Eine sofortige Ladung bringt nichts. Die sind hin. Die S Startbatterie und die kleine Batteriebank haben wenigstens noch 10,5V. So lade ich diese und sie nehmen auch Strom auf. Nach erfolgter Ladung starte ich den Motor. Klick, sonst nichts. Sind die Batterien doch kaputt? Eine Überprüfung ergibt, dass sie in Ordnung sind. Also kann es nur der Anlasser sein, denke ich. Klopfen mit dem Hammer auf den den Magnetschalter bringt nichts. Kurzschließen mit dem Schraubenzieher ebenfalls nicht. Also steht die Diagnose fest: Anlasser kaputt. Gleich mache ich mich daran den Anlasser auszubauen. War nach einer halben Stunde erledigt. Eine Überprüfung ergibt: Anlasser 100% ok. Au verdammt, das hatte ich schon mal. Das riecht nach großen Ärger. Ich schnappe mir eine 41iger Nuss und einen dementsprechend langen Hebel und versuche den Motor an der Kurbelwelle zu drehen. Nichts tut sich aber auch schon gar nichts. Es ist nicht möglich die Kolben auch nur einen Millimeter zu bewegen. Nun ist es mir klar. Ich sagte doch schon: großer Ärger. Es gibt nur eine Diagnose: Wasser in den Zylindern. Kolben an den Zylindern festgerostet. Peng! Das sitzt! Von wegen nächsten Monat Aufbruch Richtung Karibik. Wenn es blöd hergeht sitzen wir ein weiteres Jahr hier fest. Ein neuer Motor oder die Reparatur des Motors ist für uns eben auch ein finanzieller Kraftakt und nicht einfach aus dem Ärmel zu schütteln.
Um aber ganz sicher zu sein ob auch wirklich Wasser im Motor ist werde ich den Zylinderkopf abbauen. Ich mache mich sogleich daran die Einspritzdüsen auszubauen und alle Anbauteile die den Abbau des Zylinderkopfes behindern abzuschrauben. Und das sind einige. Denn es ist ein Marinemotor und kein Automotor. Also entferne ich erst mal den Auspuffschlauch, dann den Abgassammler in dem die Auspuffgase mit Wasser gekühlt werden, dann den Vorratsbehälter für das Kühlwasser, den dafür nötigen Wärmetauscher samt den Ölkühler. Den Ventildeckel abschrauben, die Zylinderkopfschrauben aufdrehen und dann den Zylinderkopf vom Block lösen. Denkste. Das Teil ist so schwer und der Winkel zum abheben im Motorraum so ungünstig dass ich dazu einen zweiten Mann brauche.
Endlich, der „Kopf“ ist runter und ich sehe das Malheur. In den Zylindern 3 und 4 steht Wasser. Ich tauche den Finger ein und probiere.Es ist nicht, wie gedacht Salzwasser, sondern Süßwasser. Einen Trost dabei habe ich. Es ist nicht meine Schuld und ich habe nicht vergessen das Seeventil zu schließen bzw. zu spät geschlossen. Es ist ganz einfach die Zylinderkopfdichtung kaputt. Und wie die kaputt ist. Die sieht aus als wäre sie von Mäusen angefressen. Für mich ist klar, dass es sich dabei einfach um eine absolut miese Qualität handelt. Vielleicht ist es ein Plagiat aus China wie so viel andere Dinge auch. Billige Qualität teuer verkauft eben. Soll ja zwischenzeitlich nicht nur in Brasilien so sein. Die Zylinderwände haben teilweise schon dünnen Rost angesetzt. Kein Wunder, wenn sie fast drei Monate unter Wasser sind. Ich hoffe nur, dass dieser Schaden mit hohnen und schleifen beseitigt werden kann.
Für´s erste sieht der Plan nun so aus, dass ich versuchen werde einen Mechaniker zu finden der die Möglichkeit hat den Motor, der auf dem Wasser ausgebaut werden muss, abzutransportieren und in dessen Werkstatt ich den Motor zerlegen und auch später mit dessen Hilfe auch wieder zusammenbauen kann. Die Arbeiten will ich so weit es geht selber ausführen um das Finanzloch nicht zu groß werden zu lassen.
Es wird seine Zeit dauern aber ich werde zu gegebener Zeit an dieser Stelle (wo denn auch sonst?) darüber berichten. Drückt mir die Daumen dass es einigermaßen gut über die Bühne läuft und ich es so organisieren kann wie oben beschrieben.

Kommentare

Hallo Ihr zweibeiden Tapferen! Ich hab den Werner ja schon beim Skypen voriger Tage mit Bewunderung (fuer Euch beide) ueberschuettet – jetzt mache ich es nochmal schriftlich!!!! Und es liest sich auch noch gradezu amuesant, obwohl es das weissgott nicht immer ist…Kannst Du Eure Reiseerfahrungen nicht irgendwie veroeffentlichen und so auch zu ein bisschen Geld kommen? Es ist doch sehr gut und packend geschrieben!!!
Glueckwuensche dazu und vor allem Glueck fuer die Reparatur und ueberhaupt! Abrazos Chris

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