8.07.2014

07. Juni 2014 – Brasilianisches Arbeitstempo

Wie im vorigen Bericht schon angekündigt muss der Motor ausgebaut werden. Außer dass viel Zeit verstrichen ist (seit Anfang März) ist bisher noch nicht viel passiert was uns weiter gebracht hätte. Zeit ist relativ, das sagte schon Einstein und das scheint auch das einzige zu sein was hier bei den Leuten von der Relativitätstheorie bekannt ist, so weit überhaupt schon mal jemand was davon gehört hat. Wenn sie hier nichts haben aber Zeit haben sie im Überfluss. Und was sind schon Tage, Wochen oder Monate. Von nutzlos „verwarteten“ Stunden und Terminen will ich erst gar nicht reden..Wir waren 10 Jahre in Lanzarote und sind so manches gewöhnt. Doch das Tempo, das hier an den Tag gelegt wird macht einer Schnecke alle Ehre. Das Arbeitstempo in Südeuropa ist gegenüber dem in Brasilien fast schon Lichtgeschwindigkeit. Ich weiß, ich weiß, ich übertreibe etwas aber im Moment bin ich ziemlich genervt. Es geht nichts, aber auch gar nichts vorwärts.Da warte ich bereits seit 10 Wochen auf ein Paket aus Deutschland mit Teilen die ich unbedingt brauche. Das Paket das als zweites weggeschickt wurde bekomme ich nach mehr als 4 Wochen. Vermutlich kann ich das erste Paket abschreiben. Nachfragen bei Post und Zoll führen zu keinem Ergebnis. Es können doch Pakete über Internet verfolgt werden, werden jetzt einige einwenden. Richtig! Doch ratet mal in welchem Land das nicht geht. Brasilien! Sehr gut, der Kandidat hat hundert Punkte und darf sich setzen. Dass das Paket nicht mehr auftaucht ist nicht nur ärgerlich wegen des Wertes von ca. 100 €, sondern hauptsächlich deshalb weil ich diese Teile in Brasilien nicht besorgen kann (vielleicht ist das der Grund weshalb es hier nicht auftaucht).

Das nächste was im Moment an unseren Nerven zerrt ist der kaputte Motor. Wir sind mit der Reparatur noch keinen Schritt vorwärts gekommen. Hätten wir nicht die Hilfe von Klaus, dem hiesigen TO Stützpunktleiter, dann wären wir völlig aufgeschmissen. Er hilft uns wo er nur kann. Wir halten, seit wir hier sind, nach einer bezahlbaren Werkstätte bzw. Mechaniker Ausschau. Es ist nicht so, dass es die hier nicht geben würde, ganz im Gegenteil. Die gibt es wie Sand am Meer. Problematisch ist nur der Preis und oftmals die Qualität der Arbeit. Bei den meisten ist entweder das eine oder das andere teilweise sogar beides nicht akzeptabel. Egal wen man fragt. Jeder kann immer alles aber keiner hat eine vernünftige Ausbildung genossen.Einen Motor auf den ich mich in brenzligen oder sogar Notfällen verlassen können muss gebe ich natürlich nicht jeden in die Hand. Klaus hat zwei Werkstätten ausfindig gemacht.Die Verhandlungen sind kurz und schmerzlos. Für den Preis bekomme ich in Deutschland einen vom Werk überholten und marinisierten Austauschmotor mit Garantie.Aber wir sind (in diesem Fall) leider nicht in Deutschland. Die zweite Werkstatt ist nicht besser. Ich muss den Motor selbst aus und natürlich auch wieder einbauen. Außerdem muss ich ihn in die Werkstatt liefern und wieder abholen. Spitze. Den nehme ich – und trete ihn in die Tonne.

Einige Zeit später hat Klaus einen Mechaniker ausfindig gemacht. Er kommt aufs Boot und sieht sich den Motor an. Den Zylinderkopf habe ich bereits abgebaut. Das im Zylinder stehende Wasser habe ich entfernt und durch dünnflüssiges Hydrauliköl ersetzt um weiteren Rostschäden vorzubeugen (im Nachhinein, es hat nichts genützt).Der Preis wäre akzeptabel aber leider hat der Mechaniker keine Möglichkeit den Motor aus dem Boot zu heben und zu transportieren. Die Suche geht weiter. Eins ist uns klar. Erst müssen wir einen Kran finden bevor wir weiter nach einer Werkstatt bzw. einen Mechaniker suchen. Die erste Anfrage geht an den Club vor dem wir an einer Boje hängen. Das klappt nicht. Wir dürfen dessen Kran nicht benutzen. Auch Klaus kann diesbezüglich nichts erreichen. Selbst dann nicht als er erklärt dass es sich um einen Notfall handelt. Wirklich sehr freundlich von dem Herrn. Von unserem Liegeplatz aus können wir einen Kran sehen. Auf der anderen Seite der Bucht. Wir fahren hin und fragen nach. Die Antwort: im Prinzip ja aber das Seil ist alt und muss getauscht werden. Wann ist noch nicht klar. Langsam komme ich mir vor wie ein Wasserballspieler. Auf der Stelle treten und nicht untergehen.

Klaus hat sich weiter engagiert und zwei Brüder ausfindig gemacht die bei sich zu Hause in ihrer Freizeit den Motor reparieren würden. Wir werden uns handelseinig. Sie kümmern sich um eine Möglichkeit den Motor zu transportieren und würden ihn auch ein und ausbauen. Die zwei machen einen guten Eindruck und haben auch Sachverstand. Beide arbeiten seit 10 Jahren bei der gleichen Firma die Motoren der Marken Volvo, Mercedes und MWM repariert.Sie waren auch zur Schulung in Deutschland. Ok, die nehmen wir.

Annemarie und ich gehen heute nochmal zu der kleinen Werft und fragen ob der Kran inzwischen Einsatzbereit ist. Ja, das ist er. Das ist doch schon mal eine gute Nachricht. Der Preis von 1000 Reales (ca.330€) ist nicht gerade geschenkt. Aber, so mein Gedanke, haben wir eine Alternative? Nein, haben wir nicht..Aber es ist immerhin ein kleiner Schritt nach vorn.

Einige Tage später ruft Klaus die Brüder an um ihnen zu sagen, dass wir einen Kran zur Verfügung haben als sie plötzlich die Abmachung ändern. Sie verlangen zwar nicht mehr Geld aber sie wollen den Motor weder aus noch einbauen. Außerdem sind sie nicht damit einverstanden, dass ich die benötigten Ersatzteile selber besorge. Und damit ist das Geschäft geplatzt. Vermutlich wollten sie ihren Verdienst durch überhöhte Ersatzteilpreise aufbessern. Das liegt jedenfalls nahe. Die scheinen nach dem Mottozu verfahren wer ein Boot hat, hat Geld und wer Geld hat soll auch zahlen.

Die Tage und Wochen vergehen und nichts geht vorwärts. Noch immer sind wir auf der Suche nach einem Mechaniker. Ein Boot das uns zur Werft schleppt haben wir schon organisiert. Zwar verlangt er für die halbe Meile (ca. 1km) umgerechnet 50€ aber wenigstens kommen wir bis zum Kran.

Klaus erkundigt sich nochmal bei der Werft ob es mit dem Kran nicht etwas preiswerter geht. Nein, geht nicht. Trotzdem, etwas Gutes hat das ganze doch. Wir lernen Robson kennen, den Mechaniker der Werft. Wir erklären ihm, dass wir immer noch auf der Suche nach einem Mechaniker wären. Er bietet sich an den Motor (privat) zu reparieren. Der Preis liegt zwar höher als bei den beiden Brüdern, dafür aber wird er den Motor komplett abschleifen, grundieren und neu lackieren. Ein mehrstündiger Probelauf auf dem Teststand ist ebenfalls inbegriffen. Falls alles so klappt wie versprochen, dann ist der Preis ( 2000 Reales für die Arbeitszeit, ca. 700 €, Ersatzteile und Fremdleistungen sind extra) akzeptabel.

Das wäre schon mal in trockenen Tüchern.Nächste Woche soll dann der Motor raus. Da habe ich vorher noch viel Arbeit. Ich bin dabei die elektrischen wie die mechanischen Verbindungen vom Motor zu lösen wie z.B. die Antriebswelle vom Getriebe, die Lichtmaschine von den elektrischen Leitungen, Wasserschläuche usw. Da der Motor unter dem Cockpit liegt muss ich die Steuersäule abbauen. Die Kabel, die durch die Elektrik mit der Steuersäule verbunden sind, knipse ich einfach ab und versehe sie mit Steckern. Beim Einbau werden diese nur zusammen gesteckt, Schrumpfschlauch drüber, fertig.Einige „tote“ Kabel, die nicht mehr gebraucht werden aber immer noch da sind, entferne ich gleich mit. Der Fluxgatekompass, durch ein Kabel vom Steuerstand aus mit dem Instrumentenbrett verbunden macht etwas Probleme. Dieses Kabel kann nicht einfach getrennt werden. Das muss ich ausbauen. Dazu muss ich das Instrumentenbrett öffnen. Tausend Kabel kommen mir entgegen. Und wie die aussehen! Fast alle Anschlüsse der Instrumente sind angegammelt. Nun wundert mich nichts mehr.Das GPS hat manchmal nicht mehr funktioniert und der Drehzahlmesser für den Motor ebenfalls nicht. Ich wechsle sämtliche Anschlüsse aller Instrumente aus. Sogar einige Kabel. Das sind drei Tage Arbeit. Jetzt wird die Zeit knapp. Übermorgen wollen wir in die Werft. Der Cockpitboden mit den 50 Schrauben muss geöffnet und die Steuersäule zerlegt und abgebaut werden, damit man den Boden, in diesem Fall eigentlich den Deckel vom Motorraum, hochheben kann. Die weitaus größere Arbeit aber ist die Kuchenbude (das ist das „Zelt“ das das Cockpit abschließt, damit der Rudergänger bei schlechtem Wetter im Trocknen sitzt) abzubauen. Da das Dach bei uns nicht wie üblich aus Stoff, sondern aus Holz ist, sind einige Schrauben und Halterungen zu lösen. Wenn das alles gemacht ist kann der Motor aus dem Boot gehoben werden.

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Am Donnerstag den 12.06. haben wir um 12:00 Uhr endlich einen Termin in der Werft zum kranen. Ich sage noch schnell einem Helfer Bescheid, dass wir morgen den Motor raus heben. Statt einem ok nur ein verlegener Gesichtsausdruck. Ich frage was los ist. Morgen, kommt die Antwort, ist doch die Eröffnung der Fußball WM. Ach, das habe ich ganz vergessen. Der Termin ist um 12:00 Uhr sage ich ihm. Ach so, dann gibt es kein Problem. Das erzähle ich Klaus, der darauf hin gleich nochmal die Werft anruft.wegen des morgigen Termins. Die Antwort: morgen schließen wir um 12:00 Uhr wegen des Auftaktspiels zur WM . Hat man da noch Töne? Eine halbe Stunde vorher bekommen wir noch eben diesen Termin. Wären wir pünktlich da gewesen hätten wir vor verschlossenen Toren gestanden oder besser geschwommen. Das ist halt Brasilien. Also verlegen wir eben alles auf Freitag. Gleiche Zeit, gleicher Ort.

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Pünktlich, wie ausgemacht, kommt mich die Schalupe abholen.und schleppt mich und das Boot zur Werft. Annemarie ist schon mit dem Bus vorausgefahren um unsere Ankunft anzumelden. Der „Schleppverband“ steht vor der Werft und Annemarie steht am Anleger und winkt. Ich sehe auch gleich warum. Es ist kein Platz frei. Obwohl wir angemeldet sind. Nach einigem hin und her macht uns ein kleines Fährboot Platz und wir können anlegen. Das geht schnell und ist auch gleich erledigt. Was ebenfalls erledigt ist, ist unsere weiße Farbe am Rumpf. Obwohl wir versuchen uns mit Fendern von den Autoreifen fern zu halten ist es vergebliche Liebesmüh. Kreuz und quer ziehen sich die schwarzen Streifen des Gummiabriebs der Autoreifen über die Backbordseite unseres Bootes, das erst in Argentinien neu gestrichen wurde. Nicht nur das. Der Anleger ist ein Schwimmponton und mit dickem losen Rost überzogen. Nachdem der Motor raus ist gibt es kaum noch einen weißen Fleck auf dem Boot. Das Deck ist gleichmäßig rostbraun überzogen. Die ganze Streicharbeit für die Katz. Das raus heben des Motors war nicht gerade eine Meisterleistung. Obwohl ich Anweisung gegeben habe was zu tun ist um den Motor ohne Probleme raus zu bekommen haben sie nicht auf mich gehört, so nach dem Motto: was will der denn, wir bauen täglich Motoren aus und wissen wie es geht. Verschrammte und verbogene Teile sind die Folge. Ich habe den Motor 2009 in Rio Grande schon mal ausgebaut bzw. dabei geholfen und weiß um die Besonderheiten. Aber die wissen es ja besser. Erfolg siehe oben. Hoffentlich gibt das beim Einbau keine Katastrophe. Der ist nämlich erheblich komplizierter. Aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Wir machen jetzt auf jeden Fall Brotzeit mit frischen Roggenvollkornsemmeln aus der schiffseigenen Bäckerei mit Schinken, Wurst, Käse, Butter, Calabresa und einem (oder auch mehreren)kühlen Bier. Das haben wir uns verdient.

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