13.09.2014

11. September 2014 Festival de Cachaca de Paraty

Vor einer Woche kamen Wolf und Crew mit seinem Schiff der Santa Maria Australis einer Reinke Duo 68 Fuß (20m) hier in Angra dos Reis an. Wir lernten Wolf in Porto Belo kennen, wo wir einige Zeit lagen. Haben auch damals schon sein Schiff bewundert. Ist eben ein Unterschied ob 12 oder 20 Meter. Der andere Unterschied zu uns ist nicht, dass Wolf an Größenwahn leidet, er ist auch nicht, wie wir, zum Vergnügen unterwegs, sondern er hat ein Charterunternehmen. Er macht Kojencharter. Er vermietet also nicht das komplette Schiff und lässt die Leute mal eben irgendwo hinsegeln, sondern es werden die einzelnen Kojen verchartert und er ist und bleibt der Kapitän. Das besondere aber und das unterscheidet ihn von den meisten anderen, ist, dass er überwiegend in den hohen südlichen Breiten unterwegs ist. Die Kanäle von Süd Chile, Kap Horn, die Antarktis, Süd Georgien und die Falklands sind sein Revier um nur einiges zu nennen (weitere Info über den Link am Ende des Beitrags).

daniel-2-und-1-wolf-annemarie-beate.JPG Daniel 2 und 1 Wolf Annemarie Beate

Wir sitzen also bei Klaus in der Pousada (Pension) und feiern Abschied von Wolf und seiner Crew. Sie wollen morgen weiter in Richtung Süden, denn der Sommer naht und pünktlich zu Saisonbeginn wollen sie in Porto Williams (Chile) an ihrem Ausgangspunkt sein. Im Laufe des Abends bekommen wir, Klaus, Annemarie und ich von Wolf die Einladung doch bis Paraty, dem nächsten Ziel Ihrer Reise mitzufahren. Paraty ist etwa 30 Meilen südlich von hier, also eine knappe Tagestour. Klaus ist verhindert aber Annemarie und ich sagen gerne zu.

kirche-von-paraty.JPGKirche von Paratyparaty-2.JPGparaty.JPG

Am nächsten Tag Mittag sind wir pünktlich an Bord und es kann los gehen. Es wird wohl eine komplette Motorfahrt werden, denn Wind ist nicht nur zu schwach, sondern gleich Null. Trotzdem ist es eine herrliche Fahrt zwischen den Inseln. Wir fahren vorbei an wunderschönen einsamen Buchten die zum ankern einladen. Wäre schön aber unser Ziel ist Paraty. Das ist eben der Unterschied. Wie schon gesagt, Wolf ist nicht nur zum Vergnügen unterwegs. Noch muss er Geld verdienen. Aber vielleicht später…:-/. Eine Stunde vor Anbruch der Dämmerung sind wir am Ziel. Die richtige Stelle zum ankern ausgesucht und schon rauscht der Schlammhakl in die Tiefe. Das heißt, so tief ist es gar nicht, ca. 5 Meter. Trotzdem gibt Wolf genügend Kette, damit auch bei eventuellen Starkwind der Anker nicht ausbricht, und fährt ihn im Rückwärtsgang fest. Wir liegen sicher für diese Nacht. Anschließend sitzen wir noch im Salon bis wir uns dann in die Kojen verabschieden.

Am nächsten Tag fahren wir mit dem Dinghy an Land und wollen uns mal etwas in Paraty umsehen. Paraty ist ein Touristenzentrum und obwohl keine Saison ist, latschen hier Touristen aus aller Herren Länder durch die Gegend

Die Kirche und der historische Kern von Paraty sind gut erhalten und werden auch dementsprechend gehegt und gepflegt. Man hat hier schon sehr früh begriffen, dass die Geschichte, die Straßen und Stege, sowie die historischen Gebäude das Kapital der Stadt sind. Die Urlauber können sich eine nachgebaute historische (nur hatten die keine Gummiräder) Pferdekutsche samt Kutscher mieten, der auch dann gleichzeitig als Fremdenführer dient. Die Stadt ist sehr sauber und es wird darauf geachtet, dass es auch so bleibt. Das betrifft insbesonders die Pferde. Die dürfen ihre „Äpfel“ nicht einfach abladen und auf die Straße werfen. Nicht, dass es jetzt ein Pferdekloo geben würde auf die sich die armen Viecher setzen müssen bevor die nächste Tour beginnt. Nein, das gerade nicht aber so etwas wie ein mobiles Pferdekloo gibt es trotzdem. Zwischen dem Hinterteil des Pferdes und der Kutsche ist ein Sack aus festem Plastik so angebracht, dass die „verlorenen Äpfel“ eben genau in diesen fallen. Finde ich wirklich toll. Sehr innovativ. Innovation muss eben nicht immer mit Technik zu tun haben. Wir schlendern noch durch die Stadt aber nicht ohne uns für morgen nach einem Bus zu erkundigen der uns einige Kilometer aus der Stadt bringen soll. Wir wollen ein Stück den Goldweg entlang wandern den bereits die Portugiesen im 16. und 17. Jahrhundert benutzten.

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Wir, das sind Wolf, Annemarie, Daniel 1 der Sohn von Wolf, Beate und ihr Freund Daniel 2 (gehören zur Crew der Santa Maria Australis) und meine Wenigkeit. An der Haltestelle angekommen steigen wir aus. Von dort sind es nur wenige hundert Meter zum Beginn des Caminho do Ouro (Goldweg). Als Ende des 17.Jahrhundert Gold und Edelsteine in Minas Gerais entdeckt wurden benutzte man die Verbindungswege der Indianer um die Sierra da Mantiquera zu überwinden und in das Landesinnere vorzustoßen. Güter und Sklaven wurden von Paraty aus zu den Minen transportiert, Gold und Edelsteine zurück nach Paraty wo diese auf Schiffe verladen und nach Europa geschickt wurden. Diese strategische Lage brachte Reichtum und Wohlstand nach Paraty. 1728 wurde der Caminho novo (neuer Weg) gebaut auf dem nun die Goldtransporte direkt nach Rio de Janeiro umgeleitet wurden und somit Paraty ausschloss. Die Bewohner hatten sich aber bereits angepasst und produzierten Lebensmittel für die Minen und für die Bevölkerung Rio`s. Eine wesentliche Stütze der Wirtschaft, von der Paraty profitierte, war im 18. Jahrhundert der Anbau von Zuckerrohr. Zu dieser Zeit gab es in der Stadt 250 Zuckermühlen und Destillen. Der hier produzierte „Aguadente“ (Schnaps) hat sich einen Namen als der beste in ganz Brasilien gemacht. Und wurde zeitweise sogar exportiert. Paraty wurde zum Synonym für „Cachaca“.

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Im 19.Jahrhundert gewann der Kaffeeanbau im Paraiba Tal immer mehr an Bedeutung und ersetzte die durch den fehlenden Goldstrom entgangenen Handelsmöglichkeiten. Durch den Bau der Eisenbahn durch das Paraiba Tal nach Rio in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war das Schicksal von Paraty besiegelt. Zum Ende des 19. Jahrhunderts lebten in Paraty gerade noch 600 Einwohner, überwiegend alte Frauen und Kinder. 50 Jahre vorher waren es noch 16.000.

In den 50iger Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurde die BR-101 von Rio nach Santos gebaut und so die Region erschlossen. Viel vom Regenwald, der Mata Atlantica wurde dabei zerstört. Das fast vergessene Paraty entwickelte sich durch die ziemlich komplett erhaltene Architektur der Kolonialzeit zu einem wichtigen Touristenort. Ein großer Teil Paratys ist heute Naturschutzgebiet. Zwei Drittel davon gehören zum Nationalpark.

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Ein Teil des Nationalparks ist natürlich auch der Caminho do Ouro, auf dem wir vor haben ein Stück zu wandern.Doch der ist gesperrt und nur mit Führer zu begehen, so jedenfalls das Hinweisschild. Dazu haben wir keine Lust. Führt der Weg doch bis zu vier Tage lang ins Innere des Landes und wir möchten nur eine Stunde da so entlang spazieren. Also nehmen wir den anderen (ausgetretenen) Weg und latschen leicht bergauf. Die zwei Daniels und Beate sind schon voraus und kommen kurz danach wieder zurück. Alle Wege die vom „Hauptweg“ abführen hören an Grundstücken, welches eingezäunt sind, auf. So werden wir sicher dahin geführt wo wir hin sollen. Man ahnt schon was am Ende dieses Weges auf uns wartet, denn obwohl mitten im Wald, stehen alle hundert Meter Tafeln mit Angeboten des Restaurants welches bald kommen wird. Von Schnellfraß bis Steak ist alles zu haben.Und so ist es dann auch. Ein wirklich herrliches Plätzchen. Ein Wasserfall an dessen unteren Ende die Leute baden. Das andere Ufer an dem das Restaurant ist, erreicht man über eine wacklige Hängebrücke. Das Restaurant ist nicht nur teuer sondern auch gesteckt voll. Es ist immer gleich, ob in Österreich, in Bayern, oder sonst wo in einem Touristengebiet. Schade um diesen wunderschönen Fleck Erde. Langsam gehen wir weiter leicht bergauf und nach wenigen Metern ist auch dieser Weg zu Ende. Zurück an der Hängebrücke folgen wir dem Pfad entlang des Baches. Jede Menge Menschen hier. Es ist das Naherholungsgebiet dieser Region. Der Weg führt relativ steil bergab und genau so steil fällt auch der Bach ab. Das Bachbett ist ein kompakter Fels und mit Algen bewachsen, also sehr sehr rutschig. Am Ende des Gefälles bildet sich ein etwa ein Meter tiefes Becken. Die ganze Strecke beträgt etwa 100 Meter. Oder anders gesagt eine hundert Meter lange schnelle aber nicht all zu steile Rutsche. Die (älteren) Kinder und Jugendlichen nehmen dieses Angebot gerne an und rutschen stehend wie auf einem Surfboard oder auf dem Hosenboden sitzend den Wasserfall hinunter. Am unteren Ende der Strecke ist ein kleiner Höcker, fast wie eine Sprungschanze. Da kommt auch schon einer stehend angeflitzt und macht einen mächtigen Sprung. Ich weiß was der will, der will bis in das Becken springen, das übrigens von einem großen Stein abgeschlossen wird. Bis dahin sind es bestimmt an die zwanzig Meter. Er saust durch die Luft und kommt nach 15 Metern (und nicht nach zwanzig wie vorgesehen)mit seinem Hinterteil auf dem Felsen auf. Durch die Neigung des Wasserfalls und die Geschwindigkeit mit der er den Fels berührt wird der Aufprall, wie bei einem Skispringer nach dem Aufsprung abgemildert. Super gemacht. Aber ganz so ohne geht es dann doch nicht ab. Als er am Rand des Wasserfalls hochsteigt, hinkt er doch etwas und presst die Hand gegen sein Becken. Trotzdem, guter Sprung, nur die Haltungsnoten fallen etwas schwach aus.

Es ist noch früh, so dass wir uns entschließen doch noch ein Stück den Goldweg und zwar ohne Führer, entlang zu gehen. Hier am Ende des Weges ist nur ein ganz kleines Stück erhalten und das sieht trotz der Holzstufen nicht sehr original aus. Das Stück endet dann auch gleich auf einem unbefestigten Weg dem wir folgen. Es dauert nicht lange und es kommt uns ein Pickup entgegen der auch sofort anhält und uns fragt ob wir einen Führer brauchen. (Brauchen wir nicht, den hatten wir doch bereits von 1933 -1945).Wir lehnen ab und erklären, dass wir nur spazieren gehen und in einer Stunde wieder umdrehen. Landschaftlich ist es hier sehr schön. Sieht alles noch sehr ursprünglich aus. Ist ja auch Naturschutzgebiet. Das Gebiet gehört zur Mata Atlantica. Dieses ursprünglich zusammenhängende Waldgebiet reichte von Rio Grande do Norte bis Rio Grande do Sul und ins Innere des Kontinents bis nach Mato Grosso do Sul, Argentinien und Paraguay. Einstmals wurden 15% Brasiliens davon bedeckt. Heute sind es gerade mal 1%, das sind 95.000qkm von denen 75% weiterhin durch Abholzung, Rodung und Bevölkerungsdruck stark gefährdet sind. Trotz Nationalparks und ausgewiesenen Naturschutzgebieten ist ein wirksamer Schutz meistens wegen Personalmangels und Korruption nicht gewährleistet. 1990 und 1995 wurden 5000qkm abgeholzt. Das ist in Relation zur Fläche mehr als im Amazonas Gebiet. Aus einer Studie geht hervor, dass 80% der noch bestehenden Waldstücke kleiner sind als einen halben Quadratkilometer. Sie sind im Schnitt 1,5km voneinander entfernt, was die Wanderung der Tiere sehr schwierig macht. Außerdem sind von diesen kleinen Waldstücken nur 14% geschützt.

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Wir befinden uns im Moment in einem dieser geschützten Gebiete.Was ein Witz und Widerspruch. Erstens ist es Naherholungsgebiet mit Restaurant und allem pipapo und zum anderen werden hier, man kann die Schilder im Wald überall sehen, Grundstücke mit 30.000qm und mehr angeboten. Wo bleibt da der Schutz? Ist ungefähr so als würde man plötzlich im Naturpark Bayrischer Wald Grundstücke verscherbeln. Wir sehen am Wegesrand einige, uns natürlich unbekannte, Pflanzen und Blumen. Blattschneideameisen, die mitten auf dem Weg ihren Bau gegraben haben faszinieren mich besonders. Das Vielfache ihres Gewichts schleppen sie an abgeschnittenen Blättern, in diesem Fall fast zehn Meter bis zu ihrem Bau. Es ist ein schöner Nachmittag der langsam zu Ende geht. Wir spazieren zum Bus und fahren zurück nach Paraty.

Am diesem verlängerten Wochenende (Donnerstag bis Sonntag) findet hier das Festival de Cachaca oder einfach das Cachaca Fest statt. Cachaca ist aus Zuckerrohr aber kein Rum. Dieser wird entweder pur oder gemischt, mit allen möglichen Fruchtsäften, getrunken. Mein Favorit ist ein mit Crash Eis gefüllter Becher in dem sich Cachaca (nicht zu wenig) und der Saft von Limonen befindet. Herrlich frisch aber nicht zu unterschätzen. Haut wirklich rein. Langsam schlendern wir vom Busbahnhof in Richtung Cachaca Fest. Zum Schiff wollen wir vorher nicht mehr, sonst geht es uns wie gestern. Da wollten wir schon hier sein. Waren dann aber zu faul mit dem Dinghy nochmal in die Stadt zu fahren. Viel ist noch nicht los, klar ist ja auch erst früher Abend. Macht aber nichts, so können wir gemütlich über das Gelände spazieren und uns alles in aller Ruhe ansehen. Das Festzelt hat Ausmaße eines Festzeltes auf dem Oktoberfest, mit dem Unterschied dass es hier weder Stühle noch Tische gibt. Wird also eine reine Stehparty. Beide Seiten des Zeltes sind gerahmt von Ständen an denen alles Mögliche angeboten wird, hauptsächlich natürlich Cachaca. Am hinteren Ende spielt eine Live Band. Die Stunde schreitet voran die Band wird lauter und die Stimmung steigt. Die ersten fangen an zu tanzen und dann tanzen immer mehr. Viele der Besucher haben sich ihre Getränke in einer Kühlbox selbst mitgebracht. Ist allemal billiger. Egal was es auch immer zu trinken gibt aber als Bayer fehlt dann doch das Bier. Weit und breit von einem kühlen Nass nichts zu sehen. Aber außerhalb des Zeltes habe ich einen Stand gesehen der Bier verkauft. Abend gerettet. So gegen Mitternacht ist es hier und auch draußen auf dem Gelände so voll geworden, dass Leute mit Platzangst hier fehl am Platze sind. Uns wird es auch zu voll und wir gehen etwas am Strand spazieren. Wir kommen zu einer Strandkneipe mit Live Musik. Hier nehmen wir unseren Absacker und fahren dann zurück zum Boot. Ein schöner Tag ist zu Ende.

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Am nächsten Tag Mittag verabschieden wir uns von Wolf und seiner Crew und fahren mit dem Bus zurück nach Angra dos Reis.

Links zu Wolf: Kontakt:: Info@simexpeditions.com Web-site: www.simexpeditions.com

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