5.08.2015

04. August 2015 – Von St.Andre nach Cabedelo (650nm)

Wir liegen hier in St Andre nicht alleine vor Anker. Ausser der Scorpio und uns ist auch noch ein Schweizer mit seinem Colin Archer Nachbau hier. Ein schönes Schiff mit Spitzgatt Heck und dem bezeichnenden Namen Robusta. Die Langzeitsegler sind kommunikative und kontaktfreudige Leute und pflegen oft viel Kontakt untereinander, vor allem bei gleichsprachigen. So lernen wir auch Thomas und seine Frau kennen. Er ist gerade bei Franz auf dem Boot und es werden Informationen ausgetauscht (Ratschen tun ja nur die Frauen). Franz erzählt auch, dass wir ohne Autopiloten fahren und dringend einen Raymarine ST4000 suchen. Eine Stunde später klopft es bei uns und Thomas „steht vor der Tür“, mit einer Plastiktüte in der Hand. „Hallo Thomas, komm doch an Bord“ lade ich ihn ein. Er streckt mir die Tüte entgegen und meint:“ich hab´Dir was mitgebracht“. Verwundert nehme ich die Tüte und schaue rein. Ein Autopilot. Fein. Dann trifft es mich wie ein Schlag und begreife was ich da in der Hand halte. Einen AUTOPILOTEN!! Mann das gibt es doch gar nicht. Sicherheitshalber frage ich dann doch nach ob er ihn mir wohl verkauft. Der war bei mir noch vom Vorbesitzer auf dem Boot und ich kann ihn leicht entbehren sagt er. Schnell werden wir uns handelseinig. Und einige Scheine wechseln den Besitzer. Mann, das ist ja ein Ding. Nicht nur, dass es ein Autopilot ist, nein auch noch genau den, den ich brauche. Es gibt noch Zeichen und Wunder. Was hab ich vor einiger Zeit geschrieben? Die Chance hier einen Autopiloten zu finden ist ungefähr so groß als würde mitten in der Sahara auf der höchsten Düne plötzlich eine Wasserfontäne hochschießen. Also so gesehen ist diese Wasserfontäne tatsächlich aus der Düne geschossen. Auf jeden Fall geht nun die Fahrt weiter mit einer dritten Person an Bord. Der arme Kerl wird sehr , sehr viel arbeiten müssen. Ich hoffe nur, er ist nicht überfordert.Denn eines ist klar, eigentlich ist der ST400 für ein Schiff wie unseres zu klein. Deshalb hat vermutlich sein Vorgänger auch den Geist aufgegeben. Ich hoffe nicht dass dieser so häßlich zu uns ist und zur GAAP (Gerkschaft für ausgebeutete Autopiloten) geht..

Das Wetter scheint gut zu werden, jedenfalls behauptet das die Vorhersage.Deshalb wollen wir morgen früh los.650 Meilen (1300km) bis Cabedelo. Wir rechnen mit, wenn es gut geht, sieben bis acht Tagen. Da wir auf der Fahrt hierher doch einiges an Diesel verbraucht haben will ich noch 120 Liter besorgen.Ich habe Calindo gebeten mich mit seinem Boot zur nächsten Ortschaft nach Cabralia, hier gibt es keine Tankstelle, zu bringen. Ich mache meine Kanister voll und dann geht es zurück zum Boot.

Calindo kommt am nächsten Tag um sieben Uhr morgens, eine Stunde später als ausgemacht. Er springt ins Wasser und schrubbt den Propeller der bereits wieder mit Muscheln bewachsen ist. Als kostenlose Zugabe befreit er auch noch die Wasserlinie von Algen und anderem Bewuchs. Um acht Uhr geht es Ankerauf und Calindo lotst uns mit seinem Boot, wie schon bei der Einfahrt, knapp am Riff vorbei aus dem Fluss. Wir verabschieden uns und fahren in Richtung Osten davon. Fünf Stunden motoren wir, vorbei an Unterwasserfelsen und Riffen bis wir im offenen Meer sind. Es kommt ein wenig Wind auf. Wir segeln eine halbe Stunde und der Spaß ist auch schon wieder vorbei. Wir testen gleich mal den Autopiloten. Er funktioniert. Ruhig zieht unsere Lady, den Steuerbewegungen des Autopiloten folgend ihre Bahn. Es ist schon ein besonderes Feeling wenn man sich fahren lassen kann und nicht selber fahren muss. Der Automat arbeitet wie wild. Hin und her, her und hin. Ich hoffe nur er gibt nicht seinen Geist auf. Wollen ja nichts verschreien.

Franz ist bereits nach neun Stunden schon wieder am Horizont verschwunden. Denke, dass wir wohl einen bis eineinhalb Tage für die Strecke länger brauchen werden als er. Es ist später nachmittag und es kommt wieder Wind auf. Aus Ost. Wir knüppeln gegenan. Das wird wohl so bleiben, bis Cabedelo. 650 Meilen hoch am Wind. Der Mond steht bereits am Nachmittag hoch am Himmel. Schlecht für uns, denn dann geht er bald unter und wir haben wieder eine jener tiefschwarzen Tropennächte vor uns.

Mit vier Knoten segeln wir der Nacht entgegen. Der Autopilot arbeitet gut aber so ganz vertrauen wir ihm bis jetzt dennoch nicht. Wir bleiben im Cockpit um sofort parat zu sein falls etwas schief geht. Die Nacht vergeht ruhig bis gegen drei Uhr morgens plötzlich der Wind von einer Sekunde zur anderen von 15 auf 23 Knoten springt. Natürlich ist alles Tuch oben. Groß, Genua, Fock.Sofort entkoppele ich den Autopiloten und drehe unsere Lady aus dem Wind.Annemarie legt mir die Genuaschot und die Rollleine zurecht. Danach übergebe ich ihr das Ruder und ich rolle die Genua ein. Dabei halte ich mit der linken Hand die mehrmals um die Winsch gelegte Schot und fiere sie langsam auf bis die Genua im Wind flattert, dann ziehe ich an der Rollleine und rolle die Genua weg. Das wiederhole ich mehrmals bis soviel Tuch steht wie ich brauche. Die Fock bleibt wie sie ist und gibt genügend Vortrieb. Zehn Minuten später ist alles vorbei und wir rollen die Genua wieder aus. Diesmal aber nicht so viel wie vorher. Aus Sicherheitsgründen nur bis zur Hälfte. Im nachinein gesehen war das Vorausschauend, denn eine Stunde später haben wir plötzlich wieder 23kn Doch diesmal müssen wir nicht ablaufen, haben ja weniger Tuch am Mast.

Es ist 5:00 Uhr und es zeigt sich das erste grau. Wir segeln zwar ohne Probleme aber dafür ungemütlich und hoch am Wind. Plötzlich steigen zwei große Wellen hintereinander am Bug hoch und knallen mit lautem krachen auf das Vordeck. Der 25kg Anker wird aus der Halterung gerissen und liegt nun quer auf dem Trittblech des Bugspriets. Glück gehabt dass er nicht über Bord gegangen ist. Er ist schon gesichert und könnte nicht in der Tiefe verschwinden aber es wäre ein schönes Stück Arbeit ihn wieder an Bord zu hieven. Die Wellen gehen hoch so 3-4 Meter und der Bugspriet knallt immer wieder aufs Wasser. Es hilft alles nichts, ich muss nach vorne zum Anker.Ich lege mir die Rettungsweste an, picke mich mit der Lifebelt in das ums ganze Boot laufende Sicherheitsband ein. Langsam mit beiden Händen mich an der Edelstahlreling sichernd arbeite ich mich in Richtung Bug dem Anker entgegen. Genau in dem Augenblick als ich den Anker wieder zurück in die Halterung heben will, hebt uns eine große Welle an die zwei Meter hoch und lässt uns mit lauten krachen zurück in das Wasser fallen. Meterhohe Gischt steigt zu beiden Seiten des Bugspriets hoch und fällt dann zusammen. Ich kann es gar nicht glauben, nicht einen Tropfen habe ich dabei abbekommen.Der Anker und ich sind, Neptun sei Dank, nach dieser Aktion immer noch dort wo wir vorher auch waren. Weder Anker noch ich sind über Bord gegangen.Während die nächsten Wellen anrollen und mit uns Achterbahn fahren sichere ich mit eine zusätzlichen Leine den Anker. Nun sitzt er fest und sicher in der Halterung. Im Cockpit angekommen sagt meine Bordfee zu mir: „mein Held“. Aufrecht und mit stolz geschwellter Brust, dass fast die Muskeln platzen läuft mir dieses Lob runter wie bestes Olivenöl. Aber wie sagte schon mal ein Dichter? Der Not gehorchend, nicht dem eigenen Triebe. Annemarie erzählt mir, dass sie die Wellen regelrecht beschworen hat mich doch nicht allzusehr durchzuschütteln und mich nicht von Bord zu holen. Wie man sieht es hat geholfen. Es ist nicht mehr viel los heut (worauf ich auch gerne verzichten kann) Die Nacht ist ebenfalls relativ ruhig. Wir laufen zweimal ab wegen starken Wind, trotz gereffter Genua. Aber jetzt sitzen wir im Cockpit bei absoluter Flaute. Also ist motoren angesagt. Dauert nicht lange, eine viertel Stunde und wir holen die Genua wieder raus und segeln dem neuen Tag entgegen. Es ist ein schöner, und bist jetzt, ruhiger Tag. Obwohl wir hoch am Wind segeln, liegt das Boot ruhig und wir haben kaum Lage. Der Wind weht mit 14-16kn und wir machen dabei 4kn Fahrt.

Annemarie ist in der Pantry und bereitet eine Brotzeit vor. Wir genießen das selbstgemachte Brot mit Wurst, Käse, Essiggurken und Oliven. Leider ohne Bier, denn Alkohol ist, so lange wir auf See sind Tabu.

Es ist dunkel, schließlich haben wir schon 19:00 Uhr. Der Halbmond spendet für kurze Zeit etwas Licht bevor er wieder hinter den Wolken verschwindet. Ich fahre den Computer hoch um unsere Position auf der elektronischen Karte zu überprüfen. Die Batterie des Computers ist fast leer, so schalte ich den Wechselrichter an um den Computer ihn mit 220 Volt zu „füttern“ Doch plötzlich kommt ein klack,klack,klack aus dem Converter und der Strom ist weg. Ich ziehe den Stecker und sehe, dass die am Wechselrichter angebrachte Steckdose nach innen in das Gerät gefallen ist Das fehlt gerade noch. Jetzt kann ich das blöde Teil auch noch demontieren. Der Tag wäre ja sonst zu schön verlaufen. Ich hole das Werkzeug aus dem Schrank Als ich die Tür aufmache fallen mir etliche Kästchen mit sorgsam sortierten elektrischen Kleinteile entgegen. Natürlich fallen sie auf den Boden und natürlich gehen sie alle auf. Mehrere hundert Quetschverbindungen, Kabelschuhe und sonstige Kleinteile liegen am Boden verstreut. Bei der Schaukelei ist kein Teil im Schrank mehr dort wo es hingehört, denn der Schrank ist natürlich auf der höher liegenden Seite des Bootes und die Krägung beträgt zwischen 15 und 20°. Ich habe absolut keinen Nerv mehr und so klaubt Bordfrau alles zusammen, ungeordnet. Natürlich, wäre aber auch wirklich zu viel verlangt. Das werde ich dann selbst beheben wenn wir an unseren Zwischenstop angekommen sind. Der zweite Versuch an die Werkzeugkiste zu kommen verläuft nicht besser als der erste. Eine kurze Neigung unserer Lady zur logischerweise verkehrten Seite befördert Schrauben kästen, Kabelbinder und was sonst noch in der Nähe der Tür ist auf den Fußboden. Alles schön verteilt. Meine Laune steht unter dem Nullpunkt. Irgendwelche Götter meinen es heute nicht gerade gut mit mir. Ich räume alles weg und kann beim öffnen der Tür tatsächlich verhindern dass noch was rausfällt. Vielleicht ist aber auch nichts mehr drin. Will ich gar nicht wissen. Trotz aller Unbilden komme ich doch noch an meinen Werkzeugkasten um den Inverter zu zerlegen. Als ich ihn öffne fallen mir allerhand Plastikteile entgegen die wohl mal eine Steckdose waren. Sie ist auf billigste Art und Weise zusammengesteckt und von einem winzigen Plastikteilchen auf Position gehalten. China lässt grüßen.Wenn da ein Stecker wie gewöhnlich ein und ausgesteckt wird muss das ganze Gebilde über kurz oder lang auseinanderfallen. Diesem Mist bereite ich mit einer Schraube (hoffentlich) ein Ende. Den Inverter wieder an seinen Platz geschraubt und Batterien angeschlossen. Funktioniert wieder. Trotzdem werde ich dem Teil bei Gelegenheit eine oder zwei externe Steckdosen in vernünftiger Qualität verpassen. Diese leichte Reparatur durchzuführen ist gar nicht so leicht bei dieser Schräglage. Ich bin komplett durchgeschwitzt und muss das T-Shirt wechseln.

Es ist so viel wie keine Berufsschifffahrt unterwegs, jedenfalls nicht so weit von der Küste. Wir sind im tiefen Gewässer also ausserhalb des Festlandsschelf und da gibt es auch keine Fischer mehr und die Großschifffahrt fährt meistens in Küstennähe. In den letzten drei Tagen nur ein Containerschiff gesehen und das war weit entfernt. So verbringen wir den größten Teil der Nacht schlafend im Cockpit. Derjenige der Wache hat streckt so alle halbe Stunde den Kopf raus und sucht die Dunkelheit nach Lichtern ab. Der Autopilot hält uns auf Kurs und so ist alles recht easy. Da macht dann segeln Spaß. Auch tagsüber bleibt es ruhig und es ist sehr angenehm. Doch in der Nacht wird es unruhiger. Der Wind hat etwas gedreht und wir können unseren Kurs nicht mehr halten. Mehr und mehr werden wir in Richtung Küste abgedrängt. Kreuzen kommt für uns nicht infrage also sgeln mit Motorunterstützung. Ich lasse den Motor an aber es rührt sich nichts. Nur ein“klack“ statt ein „brumm“ist zu hören. Was ist nun schon wieder los? Ich prüfe erst mal die Batterie. 12,7 Volt, also voll. Ich schließe die Startbatterie mit den Servicebatterien zusammen. „Klack“ ist alles was wir zu hören bekommen. Da es Nacht ist habe ich keine große Lust nach dem Fehler zu suchen. Wir setzen Segel und es geht auf dem vorherigen Kurs weiter. Gefahr besteht wegen des Kurses nicht, denn wir sind weit genug vom Land weg. Plötzlich werden wir von 5kn auf 1,7-2kn eingebremst obwohl der Wind nach wie vor mit 17kn weht. Doch mit einem Schlag ist er ganz weg. Jetzt setzen wir alle Segel. Doch genau jetzt setzt der Wind mit 20kn wieder ein. Sofort rolle ich die Genua wieder ein. Fock und Groß stehen. Das reicht. Aber nicht für lange, denn der Wind hat schon wieder aufgehört.Genua wieder ausrollen ist angesagt. Kaum ist sie raus knallt uns der Wind schon wieder mit 20kn um die Ohren. Nicht nur das, es fängt auch an zu regnen. Es schüttet wie aus Eimern. Der Regen prasselt nur so gegen unser Sprayhood. Der Wind nimmt zu auf 24kn und die Wellen werden höher und unangenehmer. Der Autopilot schuftet wie ein Wilder um die Lady auf Kurs zu halten. Braver Kerl. Er ist wirklich ein Goldstück. Doch der Antriebsriemen der die Kraft des Autopiloten auf das Steuerrad überträgt rutscht immer wieder durch. Vom vielen Gebrauch ist das am Steuerrad angebrachte Antriebsrad glatt und der Zahnriemen findet keinen richtigen Halt mehr. Mir kommt die Idee ein Stück eines alten Zahnriemens auf das Antriebsrad zu kleben so dass beide Zahnriemen ineinander greifen können.. Dann ziehe ich den neuen Antriebriemen wieder auf.. Er kann jetzt nicht mehr rutschen. Funktioniert super.

Anfahrt Cabedelo

Wind und Regen nehmen zu und es bläst uns unangenehm mit 25kn auf die Nase. Wir haben die Fock gesetzt und ein klein wenig Genua. Mit sechs Knoten brausen wir gegen Wind und Welle durch die Nacht. Nicht besonders gemütlich aber auch nicht zu ändern. Ich habe die Nase voll und packe mich im Cockpit hin. Annemarie schläft im Salon. Bald bin ich eingeschlafen, doch es ist kein Tiefschlaf. Von Zeit zu Zeit wache ich auf und mache dann einen Rundblick und halte Ausschau nach anderen Schiffen. Aber bei diesem Sauwetter ist eh nichts zu sehen. Es kachelt und regnet die ganze Nacht, doch als das erste Grau am Horizont erscheint lassen Regen und Wind nach. Jetzt bläst es noch mit erträglichen 17kn. Bald sind dann auch die restlichen Wolken verschwunden und die Sonne geht auf. Ein Blick auf die Karte zeigt mir, dass wir bereits fünf Meilen neben unserem Wegpunkt sind. Ach ja, der Motor muss auch noch dazu gebracht werden seine Arbeit aufzunehmen. Ich drehe erst mal mit einem passenden Schlüssel den Motor durch um zu prüfen ob nicht evtl. Wasser in den Zylindern ist. Danach verpasse ich mit einem Gummihammer dem Anlasser einige deftige Schläge auf den Magnetschalter und drehe den Zündschlüssel. Diesmal kein „klack“ sondern ein „brumm“. Der Motor springt sofort an. So kämpfen wir gegen drei Meter Welle und Wind an. Es geht den ganzen Tag weiter mit Genua raus, Genua rein, Motor an, Motor aus usw. so dass wir kaum Zeit zum Ausruhen finden.Zwischendurch immer wieder heftige Regenschauer, ähnlich den Squalls in Äquatornähe. Es ändert sich plötzlich die Windrichtung und der Wind kommt aus der entgegengesetzten Himmelsrichtung. So plötzlich wie sich die Richtung ändert, ändert sich auch die Windstärke. Statt 15 sind es plötzlich 25kn. Zehn Minuten später absolute Flaute. So vergehen Stunden und Tage und Nächte.

Der Tagestank ist mal wieder leer und es ist Zeit zu tanken. Ich lege den Schalter um und schon fließen 20 Liter Diesel vom Haupttank in den Tagestank. Im Motorraum vor dem Schauglas des Tagestanks sitzend beobachte ich den Tankvorgang. Der Tank ist voll und mir tropft Diesel aus dem Tank auf meine Knie. Nanu, warum das? Der Tank pisst wie ein Wallach. Das war doch vorher nicht. Ich gehe der Sache auf den Grund und sehe dass er am Einfüllstutzen plötzlich leckt. Schnell stelle ich einen Eimer unter um nicht den ganzen Diesel in die Bilge laufen zu lassen. Gelingt mir allerdings nur zu einem kleinen Teil. Ganz so schlimm ist die Undichtigkeit im Moment nicht. Muss dann eben einige Liter weniger auffüllen. Als ich wieder in den Motorraum steige um nach dem Leck zu sehen bekomme ich einen Schock. Die Motorbilge steht randvoll mit Wasser. 30-40 Liter. Woher kommen die denn so plötzlich? Ich schalte die Lenzpumpe ein um das Wasser abzupumpen. Diese hat noch keine 20 Liter abgepumpt als sie ihren Dienst verweigert.Diese Dinger taugen wirklich nichts. Es ist eine fast neue Pumpe. Zwar „Markenware“ aber auch nicht besser als „No Names“. Die sind wirklich umsonst aber nur nicht umsonst zu erwerben. Das heißt, ganz umsonst sind sie nicht, denn sie können immer noch als schlechtes Beispiel dienen wie man früher gute Qualität heute mit schlechter Qualität aus China ersetzt. Nun ist aber wirklich Hektik angesagt. Ich brauche sofort etwas zum schöpfen. Ich schneide einer Wasserflasche den Kopf ab und beginne zu schaufeln.Sie hält nicht lange, sie ist zu weich und schöpfen ist damit auch schwierig. Der Literbecher aus der Pantry ist gerade richtig. Aus festem Plastik. Ich schöpfe wie wild das Wasser von der Bilge in das Cockpit wo es durch die Lenzrohre ablaufen kann. Das geht zu langsam. „Ich brauche einen Eimer, aber schnell“ rufe ich Annemarie zu. „Ich habe keinen Eimer“ kommt es von ihr zurück. „Verdammt gib mir einen Eimer“ „Ich habe keinen Eimer“ echotet es zurück. Nachträglich kommt es mir vor wie: ein Loch ist im Eimer oh Henry, oh Henry…

„Natürlich hast Du einen Eimer“ rufe ich ihr zu. „Nimm den von der Schmutzwäsche oder unseren Duscheimer verdammt nochmal, ist mir doch scheißegal, sieh aber endlich zu, dass Du einen Eimer herbringst“ schreie ich sie an. Mein Adrenalinspiegel hat längst das Maximum überschritten. Da ist Ruhe und Höflichkeit längst vergessen. Wir werden doch nicht mitten in der Nacht bei hoher See und 20kn Wind hier absaufen, teile ich Annemarie meine Befürchtung mit und muss an Freunde denken die vor einigen Jahren vor den Kap Verden ihr Schiff verloren haben wegen eines nicht gefundenen Lecks. Endlich gibt Annemarie mir den Eimer und ich schöpfe und schöpfe und schöpfe. Den Eimer mit 15 Liter Wasser stemme ich über Kopfhöhe und entleere ihn in das Cockpit. Endlich zeigt sich ein Erfolg. Das Wasser in der Bilge wird weniger. Doch zehn Minuten später ist die Bilge wieder voll. Die ganze Hektik beginnt von vorne. Ich weiß nicht woher das Wasser kommt. Als die Bilge wieder leer ist beginnen wir das Leck zu suchen. Im schaue im Achterpiek, kontrolliere den Ruderschaft, hebe in der Achterkabine die Bodenbretter hoch. Nirgends ist was zu finden. Die ganze Suppe in der Bilge ist so ölig, dass ich es mir verkneife zu probieren ob es Süß oder Salzwasser ist. Jedenfalls geht die Suche weiter. Ich überprüfe die Seeventile. Nichts. Da sagt Annemarie plötzlich: „ich höre doch Wasser plätschern“. Stimmt, ich höre es auch und zwar direkt in der Bilge. „Werner, hier ist ein durchsichtiger Silikonschlauch und da kommt Wasser raus“ teilt mir Annemarie mit. Schlagartig ist mir klar, die ganze Aufregung, die ganze Hektik, die barschen Worte und das produzierte Adrenalin , alles umsonst. Wassertank und Bilge haben eine gemeinsame Trennwand. An dieser Trennwand ist ein Messschlauch angebracht an dem man den Wasserstand im Tank ablesen kann und eben dieser Schlauch hat sich entschlossen sich von seinem Anschluss zu lösen und das Wasser in die Bilge laufen zu lassen. Also ist es Wasser das bereits im Boot ist und nicht zusätzlich dazu kommt. Wir haben jetzt einge zehn Liter weniger von den ursprünglichen 500 Litern Frischwasser im Tank aber damit können wir leben. Die ganze Aktion dauert über zwei Stunden. Den Motor haben wir schon vorher gestoppt. Der Autopilot ist der einzige der in Ruhe weiter arbeitet und uns auf Kurs hält.Wir machen den Motor an und fahren weiter.

Gesamtstrecke ab Rio

Am nächsten Tag das gleiche Bild wie vorher was das Wetter betrifft. Motor an, Motor aus, Genua raus, Genua rein. Wir kommen an den Wegpunkt wo wir Cabedelo direkt anlegen können. Dort müssen wir den Kurs ändern , was zur Folge hat, dass wir platt vor dem Laken segeln müssten. Also Genua raus und ausbaumen und den Baum auf der anderen Seite ganz ausfahren und mit Bullentalje sichern. Schmetterlingsfahrt. Aber nicht mit mir. Dazu haben wir beide keine Lust.Geht auch gar nicht. Denn es ist ja nicht so, dass in der Zwischenzeit nichts passiert wäre. Ich mache (mit den Augen) meine Runde übers Deck und sehe da eine schwarze Scheibe liegen. Nanu, wo kommt die her und was ist das? Bei näherem Betrachten entpuppt sich dies Scheibe als Umlenkrolle für den Achterliekstrecker. Der Bolzen, der zugleich Achse für den Achter und Unterliekstrecker ist hat sich gelöst und ist einige Zentimeter aus der Halterung gerutscht. Wie so was passieren kann habe ich keine Ahnung. Mit einem Hammer schlage ich ihn wieder vorsichtig zurück in seine alte Stellung und sichere ihn mit einem starken Tape, so dass er nicht wieder herausrutschen kann.Das zweite was ich sehe ist, dass das Band das den Unterliekschlitten mit dem Segel verbindet durchgescheuert ist und nun das Segel einen Meter über dem Baum schwebt. Es wird nur noch vom Unterliekstrecker festgehalten.Ich nehme mir eine Leine und binde damit das Schothorn fest. Dann lege ich diese Leine zur Umlenkung über die hintere Festmacherklampe nach vorne zur Winsch. Drei Buchten um die Winsch gelegt und festgezogen. Nun ist das Unterliek wieder dort wo es sein soll, nämlich auf dem Baum. Nachteil bei der ganzen Sache: Großsegel trimmen nicht mehr möglich. Vorteil: eine zusätzliche Bullentalje, so dass der Baum garantiert keine Patenthalse verursachen kann. Aber wie gesagt, die vorher erwähnte Schmetterlingsfahrt hat sich damit auch erledigt.

Bis zur Einfahrt in den Rio Paraiba der uns nach Cabedelo bringen soll sind es noch 30 Meilen. Dafür haben wir noch 14Std. Zeit. Zum einen weil wir bei Tageslicht ankommen wollen und zum anderen weil wir einlaufendes Wasser brauchen. Gegen den Strom einzulaufen,der bis zu 5kn betragen kann ist wahrlich kein Vergnügen. Wir bergen die Segel komplett und tuckern mit 1000U/Min und zwei Knoten Fahrt bei wilder Schaukelei durch die Nacht.

Aber wie alles, geht auch das mal vorbei und wir sind pünktlich in der Einfahrt bzw. am Beginn der Bojenstraße.Das Wetter ist saumäßig. Annemarie steht am Ruder und ich regelrecht im Regen. Ich stehe ausserhalb des Cockpits mit einem Lappen und wische alle paar Sekunden die Scheiben des Sprayhoods sauber, damit mein angestrengt schauender und konzentrierter Rudergänger freie Sicht nach vorne hat. Meine Hände sind von dem nassen Lappen und dem Regen schon total aufgeweicht. Irgendwie ist das Ganze ein sinnloses Unterfangen. Die Sicht ist so schlecht, dass wir weder das weiße Licht noch die Silos die an der Einfahrt stehen, als Navigationshilfe benutzen können, denn beides ist nicht sichtbar. Dazu haben wir ausser der schlechten Sicht noch hohe Wellen und Gegenwind. Die Betonnung des Fahrwassers ist wirklich erst in letzter Minute zu sehen. Die Sicht reicht nicht mal von einer Boje zur anderen. Nur gut, dass die Einfahrt relativ einfach ist und keine besonderen Schwierigkeiten aufweist.

Als wir zwei Stunden später an unserem Etappenziel ankommen fahren uns Babsi und Christoph von der Taurus schon mit dem Dinghy entgegen um uns zu begrüßen. Die beiden haben wir 2010 in Rio Grande vor Ihrer Weltumsegelung kennen gelernt, die sie jetzt beendet haben. Sie wollen ebenfalls weiter in die Karibik um von dort aus durch die USA und den Intracoastl Waterway nach Grönland zu gelangen. Wir werden erst mal ausschlafen, das Boot in Ordnung bringen und dann sehen wir wann es weiter in Richtung Karibik geht. Vermutlich werden wir noch einige Ziele an der Nordküste Brasiliens anlaufen und dann nach französisch Guiana und Surinam segeln. Aber das steht im Moment noch nocht zur Debatte.

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