22.09.2015

Überführung der Out of Rosenheim von Kroatien nach Lanzarote

Da wir uns bis Januar 2016 in Deutschland befinden und bis dahin kein neuer Bericht erscheint bringe ich hier nochmal den Anfang aller Anfänge von 2006 als wir unser Boot nach Lanzarote überführten. Diesen Beitrag habe ich in diesem Blog bereits 2006 veröffentlicht.

Unser Traum
Annemarie Sussmann – Werner Haltmayer
Törn von Kroatien nach Lanzarote
„Wir kaufen schnell mal ein Boot und bringen es auf die Kanaren“.
Was zwei fast naive so erlebten. Diese Zeilen sollten nicht zur Abschreckung dienen, sondern nur erzählen was wir wirklich erlebt haben.
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Gewidmet unseren Müttern Ella und Elsa.
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Es ist soweit, unser Traum hat sich erfüllt, am 01.07.06 unterschreibt Werner den Kaufvertrag für die Alan Pape 39, (Länge 11,80m Breite 3.60m)ein cuttergetakeltes Stahlschiff mit Mittelcockpit, eine ältere Dame, Baujahr 1982 und zu Wasser gelassen 1996. Wer Anny Hill`s Buch „Mit kleinem Geld auf großer Fahrt“ gelesen hat, kann verstehen, dass auch wir ein zuverlässiges, seegängiges Boot ohne großen technischen Schnickschnack (der sowieso nie funktioniert und immer dann, wenn man ihn braucht, kaputt ist) suchten und wie wir jetzt wissen, gefunden haben.
Out of Rosenheim damals noch Lastavica
Ich, wo ich doch am Wasser groß geworden bin, immer den Seglern auf der Havel zusah wie sie auf und ab segelten , kam eigentlich nie selbst auf die Idee einmal segeln zu lernen. Als ich nach Bayern zog erst recht nicht, war mit Ehe und Kindern beschäftigt. Bei der Neuordnung meines Lebens trat Werner in dieses und begeisterte mich für Klettern und Segeln. Da war es um mich geschehen.
Nach vielen Chartertörns mit Freunden beschließen wir, unseren Wissenstand durch Schulung zu festigen. Unser erster Törn allein ist toll und wir arbeiteten im Geiste immer mehr darauf hin ein eigenes Schiff zu besitzen und auf große Fahrt zu gehen. Um dieses zu verwirklichen, beschließen wir, Werner 54 und ich 50, nach Lanzarote auszuwandern um durch selbständige Arbeit unser Ziel zu erreichen.
Belächelt werden wir immer wieder, aber wer ein Ziel im Auge hat soll dieses auch behalten und sich nicht von anderen (Neidern?!?) beirren lassen. Nun ist Werner 63, seine Firma verkauft und wir sehen „unser Schiff“ im Internet. Es liegt in Kroatien. Werner fliegt hin und macht den Kauf perfekt. Eine Woche später bin ich auch da. Mein Geschäft bleibt für 8 Wochen geschlossen, da ich noch keinen Käufer gefunden habe. Wir packen Proviant ein, müssen dann noch nach Zadar und dann kann es losgehen, zurück nach Lanzarote. Ach nein, wir müssen noch auf unser Sprayhood (Spritzverdeck) warten. Das leisten wir uns.
Ich liege im Salon und denke an die Leute zurück, die uns dies ausreden wollten, „bedenkt euer Alter, ihr seid nicht mehr so fit, was ist wenn ihr krank werdet, ihr seid doch in Deutschland versichert? Und und und. Dies sind die Zauderer, die so etwas oder Ähnliches auch gerne unternehmen würden, sich aber nicht trauen. Sie haben dann tausend Ausreden warum es für sie unmöglich ist dies zu tun. Die anderen sind die Ängstlichen, die außerhalb ihres Ortes sowieso nichts unternehmen würden, ganz zu schweigen von einer Unternehmung, dessen Ausgang nicht gewiss ist.
Werner fährt, eigentlich fliegt, mit dem Bargeld für den Schiffskauf nach Kroatien, „nein das ist viel zu gefährlich, was da alles passieren kann!!“. Mein Vater pflegte zu sagen „wage es, aber wäge es vorher gut ab, dann gewinnst du“. Wenn wir unseren Traum nicht verwirklichen können, was wollen wir dann? Versauern? Nur Oma und Opa sein? Nicht, dass ich etwas dagegen hätte, aber ist das alles? Muss man denn in dieser Gesellschaft ab einem gewissen Alter krank sein und am Krückstock gehen oder darf man noch mal das Leben so richtig genießen? Ich möchte allen Mut machen, den Weg zu gehen den man gehen möchte und sich nicht von Zauderern & Co. ablenken lassen. Natürlich sollte man nicht leichtfertig sein, alles in Ruhe bedenken und abwägen aber auch etwas riskieren. Man lebt nur einmal. Um es mit den Worten meiner Mutter zu sagen: „60 ist ein tolles Alter, egal was du tust, es heißt doch immer, na ja die spinnt“. Also spinnen wir auch und packen’s an.
Jetzt bin ich schon eine Woche in Sukosan und es wird Zeit, dass wir abhauen. Unser Sprayhood ist noch nicht fertig. Werner versucht Gas zu bekommen, was hier eigenartigerweise nicht so einfach ist. Woher haben die Charterflotten das Gas? Innerhalb der Marina und in Sukosan keine Chance! Unser Broker, dessen Aufgabe es sicher nicht ist, hilft uns Gas zu bekommen, welches wir in Zadar finden, nur Pech, dass der Anschluss, obwohl kroatische Flasche, nicht passt. Also noch mal nach Zadar und eine neue Flasche mit passenden Anschluss gekauft und wieder zurück zur Füllstation. Ein „Fachmann“ baut uns die neue Flasche samt neuem Anschluss ein. Gestern haben wir dann noch die Dichtigkeit der Luken und Bullaugen geprüft. Oh je, mehr Wasser innen als außen. Nach dem säubern und einfetten der Gummidichtungen noch mal Wasser marsch. Es kommt durchs Glas. Also Glas ausbauen. Dann sehen wir es. Der Kitt, wir nehmen es an, dass es noch welcher ist, ist ausgetrocknet und bröselt. Also spezielles Silikon muss her, welch ein Wunder, dies gibt es im Nautik- Geschäft in der Marina. Also gekauft, alles ausgebaut, gesäubert, Silikon aufgetragen, Glas eingesetzt und wieder festgeschraubt. Morgen prüfen wir ob unsere Arbeit gut ist. Nur gut, dass wir noch soviel Zeit haben. Auch die Luken müssen bei dieser „Dichtungsaktion“ dran glauben. Nach diesem „Dichtungstag“ beschließen wir, uns Bier und Pizza zu genehmigen.
Warum soll alles glatt gehen, es wäre zu schön. Unser Typ mit dem Sprayhood ist vermutlich ein Gauner, jedenfalls ist er nicht zuverlässig. Man verweist uns extra auf die Firma Madex. Diese vereinbart ein Treffen in der Marina. Ein Herr begleitet Werner zum Schiff, nimmt Maß und kassiert 500 € als Anzahlung. In der Zwischenzeit haben wir festgestellt, da Werner noch mal bei der Firma Madex war, dass diese mit dem Auftrag nichts zu tun hat. Es gibt eine in der Marina nicht ansässige Firma, Pinet, die für die Marina keine Konzession besitzt, aber trotzdem dort tätig ist und des Öfteren durch ihre Unzuverlässigkeit Probleme bereitet. Werner wird versuchen über die Marinaleitung Druck auf die Firma Pinet auszuüben, damit wir das Sprayhood oder unser Geld wieder zurückbekommen und wir es nicht aus dem Fenster geworfen haben, Wir werden nämlich von einem auf den anderen Tag vertröstet. Heute Mittwoch kein Ausklarieren, wir haben dies auf Freitag verschoben, da noch nicht alle Papiere da sind. Heute morgen bringt uns unser Broker den Versicherungsvertrag, der per E-Mail angekommen ist. Es lebe das Computerzeitalter, auch wenn ich manchmal darüber schimpfe.
Gerade schiebt sich eine dunkle Wolke vor die Sonne, es ist Gewitter angesagt. Heute morgen weht ein heißes Lüftchen, sodass ich mich nach unseren angenehmen Nordwind bei uns auf Lanzarote sehne. Ich glaube Werner muss sich jetzt etwas stärken, es ist bereits 14:00 Uhr und er ist immer noch dabei die Wegpunkte der Route festzulegen.
Unser Boot ist dicht und unser Sprayhood soll heute auch fertig werden. Wir warten, aber leider vergeblich. Nach einem Telefonat seitens der Rezeption der Marina mit der Firma Pinet wird uns zugesichert, dass das Geld hinterlegt wird und wir es abholen können. Also kein Sprayhood, aber das Geld (Gott sei Dank) wieder zurück. Unter dem Strich gesagt, Finger weg von dieser Firma.
Werner stellt fest, dass er zwei gleiche Seekarten gekauft hat, dafür aber die Karte Brindisi – Crotone fehlt. Letzte Nacht hat ein unter Schweizer Flagge fahrendes Schiff in unserer Nachbarschaft angelegt. Ich gehe hin und frage ob er vielleicht aus Richtung Italien komme und evtl. davon eine Karte habe. Der Eigner erzählt, dass er aus der französischen Schweiz sei und er über Italien und Griechenland nach Kroatien segele. Er schenkt uns die noch fehlende Karte. Er will nichts annehmen und trinkt auch kein Bier oder Wein. Es ist einfach zu heiß, auch für einen guten Tropfen Roten. Wir werden uns gern an ihn erinnern. Inzwischen sind die restlichen Unterlagen der Versicherung sowie Werners Papiere angekommen. Werner macht alles klar und dann die Frage: Schlauchboot verstauen oder an Deck lassen. Wir entschließen uns es an Deck zu lasse. Wir vertäuen das Schlauchboot auf dem Achterdeck. Abfahrt am Freitag den 14.07.06 von Sukosan nach Zadar zum Zoll und zum ausklarieren. Das Schiff ist unter kroatischer Flagge registriert, also muss mithilfe eines Agenten das Schiff für die Ausfuhr, sprich Export, fertig gemacht werden. Nach dem Ausklarieren bei der Hafenbehörde kann´s losgehen. Von Zadar aus geht es direkt in Richtung Dugi Otok um so schnell wie möglich aufs offene Meer zu kommen. Wir fahren mit Motor, wegen fehlendem Wind und auch um die verlorene Zeit, wir sind in Zadar erst mittags weggekommen, einzuholen. Wir wollen noch bei Tageslicht aus dem Inselbereich heraus sein. Gut, dass wir bei der Vorbereitung und beim Ausbildungstörn die Celastica Bucht und deren Einfahrt in und auswendig kennen gelernt haben. Sobald wir im offenen Gewässer sind setzen wir Segel und machen gute Fahrt, die jedoch nicht allzu lange dauert, da bald der Wind ständig die Richtung wechselt und wir den Kurs nicht mehr halten können. Also beschließt Werner in der Nacht den Motor anzuwerfen. Dabei stellen wir fest, dass die Batterien fast leer sind. Wir haben vergessen den Kühlschrank auszumachen. Gegen acht Uhr morgens macht Werner den Autopilot an und ich lege mich ins Cockpit um zu schlafen. Werner erst später.
Wir sind nun weit draußen in der Höhe von Dubrovnik und motoren schon wieder. Dies ist unsere erste Nacht auf See. Wir haben uns vorgenommen beide auf Wache zu gehen und abwechselnd im Cockpit zu schlafen, was den Vorteil bringt, dass bei Gefahrensituationen der zweite Mann (Frau) sofort einsatzbereit ist. Am nächsten Tag um 21:30 Uhr ist es mal wieder aus mit segeln. Der Wind kommt aus unterschiedlichen Richtungen, also Genua eingerollt, nur das Groß bleibt zur Stabilisierung stehen. Motor an. Die Nacht ist stockfinster und um 23:15 Uhr geht endlich der Mond auf, es ist nicht mehr so dunkel. Um ca. 22:30 Uhr ich glaube wir sind in der Höhe von Vis, kommt ein großes Schiff (Fähre?) auf uns zu. Wir haben die Positionslampen wegen Stromerparnis ausgeschaltet und nur den Blitzer an. Gut dass der Motor läuft und wir mit Vollgas wegfahren können. Er hat uns aber gesehen und strahlt uns mit seinen riesigen Scheinwerfern an und dreht leicht ab. Es ist ok, wir kommen schnell genug weg. Werner blinkt mit dem Handscheinwerfer zurück. Wir beschließen nun den Motor des Nachts mitlaufen zu lassen so lange so ein starker Schiffsverkehr herrscht und auch um die Batterien zu laden. Zwischendurch versuchen wir allerdings immer wieder zu segeln, sobald etwas Wind aufkommt. In Höhe Ancona kreuzt uns ein 52 Fuß Racer in Richtung Italien, der hat den richtigen Wind. Und wir? Aus mit der Dümpelei, Motor an. Wir richten uns für die Nacht ein, Wasser, Scheinwerfer, Fernglas. Werner geht ans Ruder. Die Wellen sind heftig und so gut wie kein Wind aber es ist warm. Kurze Hose und Fleechemd sind genug. Nur ich habe eine dicke Jacke an, da ich doch etwas übermüdet bin und mir deshalb kalt ist. Ich liege mit angelegten Lifebelts im Cockpit und versuche zu schlafen als Werner anfängt zu fluchen. Das Ruder ist nur noch sehr schwer zu bewegen. Er will nach der Ursache sehen und deshalb übernehme ich. Nichts geht mehr, ich kann es nicht mehr bewegen. Übermüdet übernimmt Werner also wieder das Ruder. Immer wieder kommen die Wellen von achtern oder Backbord und schieben uns. Dadurch läuft das Schiff immer wieder aus dem Ruder. Wir können uns nicht erklären was es sein könnte. Als der Mond aufgeht, ich sehne mich richtig nach ihm, erscheint das Meer nicht mehr ganz so bedrohlich. Das Ruder lässt sich im Moment wieder etwas leichter bewegen und ich übernehme es. Werner kann endlich schlafen. Damit wir ausgeruhter sind, beschließen wir, dass jeder nur eine Stunde Wache geht. Ich habe Werner länger schlafen lassen, er hat es nötig. Wenn ich am Ruder stehe bzw. sitze, dann sehen die Wellen nicht so groß aus und ich rede mit meiner „Lady“. Diesen Kosenamen habe ich unserem Schiff in der ersten Nacht gegeben und sie hört darauf. In dieser Nacht heißt es aufpassen. Es herrscht reger Schiffsverkehr. Wir fahren parallel zum Verkehrstrennungsgebiet, ca. 60 Meilen von der Küste entfernt. Mitten in der Adria sehen wir ein Felsmassiv, das in der Karte mit Palagruza bezeichnet ist. Da das Ruder wieder etwas leichter geht hat Werner den Autopiloten angemacht. Als es hell wird und leichter Wind aufkommt wollen wir die Genua setzen, dabei bemerkt Werner dass die Genuaschot im Wasser hängt. Er will sie raus ziehen stellt aber fest dass sie sich nicht bewegt. Wir ahnen Böses. Das also ist die Ursache der Schwergängigkeit. Sofortige Richtungsänderung und Brindisi ansteuern. Werner nimmt die restliche Schot und sichert sie an einer Klampe, damit sie nicht noch weiter rein gezogen wird und womöglich dabei die Genua aufzieht.
Bei der Ansteuerung von Brindisi von Norden her, ist es ratsam, wie die großen Schiffe, weit raus zu fahren, bis man die Betonnung sehen kann. Ist man zu dicht unter Land, kommt man in der Nähe der Mole in eine unangenehme Kreuzsee. Wir lassen eine Fähre passieren, folgen ihr bis wir die innere Betonnung sehen, die die Marinaeinfahrt anzeigt. Man hat uns schon gesehen und kommt uns mit einem Boot entgegen. Wir wollten eigentlich ankern, überlegen es uns aber anders und fahren doch an den Steg, der uns zugewiesen wird. Unser Anlegemanöver endet damit, dass wir unseren Anker verlieren, der Schekel hat sich gelöst und mit unserem Bug rammen wir den Anlegesteg und zerkratzen die Strom und Wassersäule. Warum? Das Ruder blockiert wieder und die Windböen, die uns kräftig anschieben, besorgen den Rest. Das Personal der Marina bleibt ruhig und gelassen und hilft uns längsseits zu gehen. Wir erklären unser Problem und bestellen gleich für Montag einen Taucher. Dieser ist nämlich bereits im Wochenende. Unser Schiff hat (Gott sei Stahl) „nur“ eine Schramme und eine kleine Beule. Vier Fender versuchen nun unser Schiff abzufendern und sind wegen des starken Windes fast platt.
Nächster Tag: Morgens um sechs, kontrolliere ich noch mal die Festmacher. Ein Fender hat sich schon fast aus der Umklammerung Schiff – Steg befreit. Also schnappe ich ihn mir und bringe ihn sofort zurück auf seinen Posten. Werner schläft den Schlaf des Gerechten und ich lege mich auch noch mal hin.
Mittags kommt der Taucher. Was er aus dem Ruder und der Schraube holt, treibt uns die Farbe aus dem Gesicht. Was wir für ein Glück hatten. Alle Schutzengel waren wohl für die „Out of Rosenheim“ abkommandiert. Wenn ich mir vorstelle was alles hätte passieren können. Nach ca. zwei Stunden Suche nach dem Anker meint der Taucher, dass er wohl im Schlamm versunken ist. Na ja, ich tue so als glaub ich es ihm und denke mir meinen Teil dabei. Der Shop in der Marina hat genau den Anker den wir brauchen. Wir wollen ihn gleich mitnehmen aber der Verkäufer sagt uns, dass er jetzt schließt und wir ihn am Nachmittag abholen könnten. Was soll das eigentlich? Keine Chance, er gibt den Anker nicht raus.Nach der „Siesta“ versuchen wir es nochmal. Nun meint der Verkäufer er hätte keinen Anker für uns aber der Taucher könnte uns einen beschaffen.. Er hat uns einen beschafft. Einen vermutlich von ihm selbst schlecht nachgebauten Pflugscharanker., der sich wie sich später herausstellte zum umpflügen des Sandgrundes gut ist, nicht aber um ein Boot sicher festzuhalten. Nach unserem Schock gehen wir im Marina Restaurant Essen. Kein Touristenessen, sondern feine italienische Küche. Nehmen wir das Angebot des Küchenchefs an dann müssten wir für ein Kilo Fisch 150 € löhnen. Deshalb entscheiden wir uns für Pasta und sie schmeckt hervorragend. Leicht benebelt von dem guten Rotwein fallen wir in die Kojen. Herrlich!
Am Dienstag den 18.07. gegen 14:00 Uhr, Abfahrt von Brindisi. Wir kaufen in einem kleinen Minimarkt in der Nähe der Marina, an der Bushaltestelle der Linie 4, gutes Brot und guten Käse. In der Marina gibt es kein Lebensmittelgeschäft. In diesem kleinen Markt mit Bäckerei, gibt es ab 10:30 Uhr frisches knuspriges Weißbrot. Es ist die einzige Möglichkeit in unmittelbarer Nähe seine Vorräte aufzufüllen.
Unser Freund Manfred hatte uns per Handy das Wetter durchgesagt. Lassen wir uns Überraschen. Wir kommen gut voran. Die Nacht ist stockdunkel und der Mond geht heute erst sehr spät auf. Mein Problem: Werner muss wieder länger am Ruder stehen, da ich bei so dunklen Nächten, trotz Kompass, Orientierungsschwierigkeiten habe. Nur gut, dass wir ein Logbuch führen, sonst würde ich mit den Tagen auch noch durcheinander kommen. Aber eines der schönen Dinge beim Segeln ist, dass man „zeitlos“ lebt und nicht der Hetze des Alltags unterliegt.
Angekommen in der Straße von Messina, wollen wir nicht gleich einfahren, da es zu sehr stürmt. Wir queren diese in Richtung Sizilien und segeln auf Anraten von Freunden nach Taormina, das allerdings auf unserer Karte nicht verzeichnet ist. Dort werden wir erst mal ausschlafen, wir sind schließlich drei Tage und drei Nächte unterwegs und haben kaum Schlaf gefunden, da unser Autopilot kurz nach Brindisi seinen Dienst versagt. Wir haben es uns nicht so schwierig vorgestellt ohne den Automaten zu segeln. Es ist zu zweit wirklich anstrengend und nicht einfach. Das große Problem im Mittelmeer ist nicht die Großschifffahrt, sondern die Fischer. Sie legen kreuz und quer ihre Netze, und sind daher, trotz Radar, unberechenbar in ihrer Bahn.
Wir queren also die Straße von Messina und es ist bereits dunkel. Der Ätna hat seit Tagen sehr starke Eruptionen. Es ist ein atemberaubender Anblick, wenn man die flüssige Lava dunkelrot und zähflüssig den Hang runter fließen sieht. Die Lichter der Dörfer an den dunklen Abhängen sehen aus wie ein sternenübersäter Nachthimmel. Schön anzusehen, aber wenn man eine Hafeneinfahrt sucht, sehr irritierend. So irritierend, dass wir diese tatsächlich nicht finden. Schließlich geben wir es auf und fahren auf und ab, bis es hell wird. Ein Fischer, den wir am nächsten Morgen fragen, sagt uns wir müssen noch weiter nach Süden. Also beschließt Werner, dass dies keinen Sinn hat und wir drehen um. Wir bolzen gegenan und Werner meint, falls Wind und Welle zu stark werden, motoren wir nach Reggio de Calabria. Wir sind immer noch auf der sizilianischen Seite und müssen erst die Straße queren. Doch plötzlich sehen wir bereits den Blitzer von St. Pezza. Also weiter. Und das war’s. Ein Klacks. Wie wir jetzt nachträglich feststellen können, waren wir in der Nacht, in der das Meer spiegelglatt war, schon so weit nördlich, dass wir auch durchfahren hätten können. Es wäre kein Problem gewesen, die Großschifffahrt ist nämlich während der Nacht eingestellt.
Wir suchen uns einen Ankerplatz um endlich zu schlafen. Wollen aber in der nächsten Nacht nach Sardinien aufbrechen. Wollen, sind aber nicht. Ich bemerke, dass die Polster der Bugkabine durchnässt sind. Keine Ahnung woher. Vielleicht ist die große Luke nicht dicht. Nasse Polster und ein wunderschöner Sonnentag. Es fällt uns leicht noch einen Tag länger zu bleiben um die Polster zu trocknen. Ach, tut das Ausruhen gut. Wir sitzen im Cockpit und genießen die Aussicht. Auf den Berghügeln gibt es eigenartige Baumgruppen. Werner meint, diese sehen aus wie zwei Dinos, die um ein Weibchen kämpfen. Das Weibchen steht daneben und sieht zu. Einige Bäume sind dazwischen. Ein Urpferd steht da und weidet, neben ihm ein weiterer Dino. Von einem jungen Dino sieht man nur den Rücken. Gerade geht die Sonne unter und die Gruppe hebt sich plastisch vom Hintergrund ab. Nein, wir haben keinen Wein getrunken und sitzen auch nicht benebelt im Cockpit.
Wir räumen auf und packen die ersten Seekarten ein. Es ist ein gutes Gefühl was wir schon geschafft haben. Ich muss sagen die ersten Tage, nein Nächte, haben uns am meisten geschlaucht. Jetzt haben wir unseren Rhythmus gefunden. Werner hat beim Durchchecken des Motors ein eigenartiges Geräusch gehört. Hoffentlich ist es kein ernstes Problem. Wir schauen morgen noch mal nach. Am nächsten Tag, beim Anlassen des Motors, können wir kein Geräusch mehr hören.
Heute, Sonntag den 23.07. wollen wir weiter nach Sardinien. Die ganze Nacht ohne Mond, stockfinster und kein Lüftchen regt sich. Es ist wieder motoren angesagt. Was so schlecht auch nicht ist. Batterien werden geladen und der Kühlschrank läuft. Auch heute, am Montag kein Anzeichen von Wind, nur fürchterlich heiß. Wir bringen das Sonnensegel an, so dass es uns Schatten spendet. Die Sonne kommt von achtern und wir haben 32°C. Ein halber Eimer unseres Süßwasservorrates muss jetzt für eine Erfrischung herhalten. Erfrischung? Nur durch das sanfte Lüftchen des Fahrtwindes gibt es ein wenig Abkühlung. Werner sitzt am Ruder und steckt seine Füße in den Wassereimer. Irgendwie ist es auch schön. Sonne, blaues Meer, kein Schiff, kein Stress. Dabei fällt mir ein, irgendwie müssen wir auch mal was essen. Der Tages-Trinkwasserverbrauch ist hoch. Sicher kommt es auch daher, dass wir auf Lanzarote gelernt haben, viel zu trinken. Die Trinkmenge beträgt für uns zwei fünf eineinhalb Literflaschen (7,5 Liter) Wasser, gemischt mit Apfelsaft.
Dienstag 25.07. haben eine gute Nacht hinter uns. Kämpfen zwar mit Müdigkeit, aber durch den stündlichen Wechsel, Knabbereien und heißer Hühnersuppe, ist die nicht ganz so dunkle Nacht bald vorbei. Am nächsten Morgen, gegen halb acht, umkreist uns eine Schule Delphine von mindestens 30 Tieren. Ich habe gleich den Motor (wir haben immer noch keinen Wind) auf Leerlauf gestellt und Werner gerufen, der gerade am Kartentisch sitzt und eine Ortsbestimmung macht. Wir schauen den Delphinen zu. Sie haben eine leicht bräunliche Haut und sind seitlich etwas rosa gefärbt Es ist ein herrlicher und unvergesslicher Anblick Nach einiger Zeit verschwinden sie wieder.
Werner hat unsere Sonnensegel-Konstruktion wieder befestigt. Wir bekamen nämlich gestern einen leichten Sonnenbrand. So, und heute bzw. jetzt können wir endlich mal wieder segeln. So sparen wir Sprit, obwohl unser Motor wirklich sehr sparsam ist. Morgen Vormittag, so hoffe ich, werden wir in Sardinien sein. Ha, Ha, segeln. Das war nur ein kleines Intermezzo. Also wie gehabt, Motor an, Groß und Fock dichtgeholt und zur Stabilisierung stehen lassen. Wir fahren in die Nacht hinein. Nachmittags gönnten wir uns einen Kaiserschmarrn und einen guten Kaffee aus Kroatien. Nachts gibt es wieder heiße Hühnersuppe mit Nudeln. Sie weckt alle Lebensgeister.
Manchmal denke ich, immer wenn man glaubt es läuft alles glatt, dann kommt der Hammer. Und so war es auch. Gegen vier Uhr morgens, wir sehen schon Sardinien, haben Kurs auf Cagliari gesetzt, plötzlich blubb, blubb, der Motor bleibt stehen. Nanu, wir haben doch noch genügend Sprit oder haben wir verkehrt gerechnet? Werner öffnet die Klappe des Motorraumes und ein Dieselgestank kommt ihm entgegen. Nichts Gutes ahnend, steigt er in den Motorraum und sieht im Licht der Taschenlampe, was passiert ist. Ein Verbindungsstück der Dieselleitung zum Motor ist gebrochen. Der Vorbesitzer baute ein starres Stück Kupferleitung am Motor an und dieses brach durch die Vibration. Wind haben wir auch nicht, so dass wir hätten segeln können. Unser Hilferuf auf Kanal 16 wird nicht gehört. Gut, dass man ein Handy hat. Also Polizei, wie in Spanien112, angerufen und unser Problem geschildert. Jetzt kann Werner seine Kenntnisse in italienisch verwenden die ihm aus der Zeit in der er in Sardinien lebte noch geblieben sind. Wir bekommen eine Nummer, die er anrufen soll. Wieder schildern wir unser Problem und man sagt uns, wir werden zurückgerufen. Der Rückruf kommt kurze Zeit später und man erklärt uns dass, wenn es hell wird, wir von der Guarda Costiera in die Marina Villasimius, im Süden Sardiniens, geschleppt werden. Es ist hell und prompt kommt auch die Guarda Costiera mit ihrem großen Motorboot. In der Bucht vor der Marina lassen wir auf Anweisung erst mal den Anker fallen und warten ab. Gegen acht Uhr kommen zwei Schlauchboote und nehmen uns achtern in die Zange und bugsieren uns in die Marina. Sie verlangsamen ihre Fahrt, einer fährt voraus und holt die Mooringleine, die gleich am Heck befestigt wird um die Fahrt zu stoppen. Erst einmal ausschlafen. Am nächsten Tag soll der Mechaniker kommen um die Dieselleitung und auch gleich den Autopiloten zu reparieren.
Die Reparaturen sind durchgeführt, Leinen los und ab in Richtung Ibiza. Nachdem wir die Bucht verlassen haben, stellt Werner gleich mal den Automaten an. Er funktioniert nicht!! Das kann doch nicht wahr sein!! Gott sei Dank haben wir die Telefonnummer der Werkstatt. Ein Anruf und wir fahren zurück um direkt am Kai an der Werft anzulegen. Kaum waren wir in der Einfahrt zur Marina schon war der Marinero mit seinem Schlauchboot wieder da. Auf seinen fragenden Blick hin, warum wir schon wieder zurück sind, erkläre ich ihm unser Problem und dass wir zur Werft müssen. Freundlich wie immer begleitet er uns und hilft uns beim Anlegen. Vorher fragt er uns aber sorgenvoll nach dem Tiefgang unseres Bootes. Aber es gibt kein Problem. Der Chef der Werft, Michele, der Lobenswert zu erwähnen ist, kommt sofort und kümmert sich persönlich darum, dass die Reparatur (auf Garantie) sofort durchgeführt wird. Ein stärkerer Motor für den Autopilot, der doch immer sehr schnell warm wird, wäre gut, aber dieser hätte erst bestellt werden müssen und so lange wollen wir nicht warten. So bastelt der Mechaniker für uns eine spezielle Konstruktion, die dann auch wirklich funktioniert und heute noch hält. So, jetzt aber Leinen los. Es wird unerträglich heiß, der Schweiß fließt in Strömen. Nichts wie raus aufs Meer. Eine kühle Brise erfrischt uns schon, während ich noch Leinen und Fender klariere. Wir fahren mit voller Pulle, nein nicht ganz, gegen die hier starke Strömung, um endlich aus der Inselabdeckung zu kommen. Es herrscht reger Schiffsverkehr.
So langsam entfernen wir uns von sämtlichen Schifffahrtsrouten und es wird ruhig. Am Sonntag ein Bilderbuchwetter. Die vergangene Nacht war nicht so ruhig. Es hatten sich durch den starken Wind kurze hohe Wellen aufgebaut. Aber wie gesagt, der Sonntag entschädigt uns, das Meer ist fast platt. Womit wecken wir unsere Lebensgeister? Natürlich mit der obligatorischen Hühnersuppe mit Nudeln. Dann geht es an die Hygiene. Vier Liter pro Person, mehr gönne ich uns nicht. Am Niedergang unseres Mittelcockpits ist man gut geschützt und dort findet auch der „Waschgang“ statt. Danach „Luftgetrocknet“ und man ist ein neuer Mensch. Mit dem Sonnensegel sind wir von der gleißenden Sonne geschützt. Wir segeln, kommen aber nur langsam voran. Auch der Motor braucht seine Pflege und die bekommt er während des Segelns von Werner, der im Motorraum ist und eine Inspektion durchführt. Neben uns springen in hastiger Flucht Fische aus dem Wasser, Delphine sehen wir aber keine. Gegen Abend machen wir alles klar für die Nacht. Plötzlich geht die Frischwasserpumpe nicht mehr. Kaputt! Es ist allerdings kein so großes Problem, da wir immer Trinkwasser in Flaschen dabei haben. Wir haben uns den Verbrauch ausgerechnet und brauchen uns keine Sorgen zu machen. Abgewaschen wird sowieso mit Salzwasser. Wäsche habe ich bereits vor zwei Tagen gewaschen, so dass wir im Moment keine größere Menge Süßwasser brauchen. Welch ein Glück.
Heute sind wir richtig fit, unser Automat hat in der Nacht arbeiten müssen. Das Meer war ruhig, so konnte jeder zwei Stunden schlafen, derweil der andere Wache ging, eigentlich „lag“. Wir sind beide im Cockpit angepickt, derjenige der schläft eingemümmelt in einer Decke, der andere ist in Liegeposition und beobachtet das Radar. Werner meint heute Nacht war mal wieder reger Schiffsverkehr. Na ja, Mallorca liegt nicht weit entfernt und Ibiza rückt auch immer näher. Der Großbaum, der bis zum Heck reicht ist alleine mit der Großschot nicht zu bändigen. Werner hat einen Bullenstander eingeschoren, jetzt geht es prima. Wir sind vor Patenthalsen und schlagendem Baum sicher. Es ist eben eine ältere Lady, man muss etwas umdenken, aber wir wollen nicht meckern, wir kommen klar. Bis jetzt haben wir ja alles ganz gut in den Griff bekommen. Sei es das Missgeschick vor Brindisi mit der Genuaschot oder die Havarie vor Sardinien mit der Dieselleitung, wo wir doch sehr dicht unter Land waren und die Schatten auf dem Radarschirm sich bei Helligkeit als Klippen, die aus dem Wasser ragen heraus stellten. Das Radar, genau so betagt wie unsere Lady, ist zwar nicht optimal, aber es hat uns doch sehr geholfen. In Lanzarote wartet bereits ein neues Farbradar mit Kartenplotter. Also in Zukunft weg von der Küste wenn es dunkel wird.
Wir sind westlich von Sardinien, Werner steht am Ruder als plötzlich in der stockfinsteren Nacht ein riesiger Schatten auftaucht. Es ist die Isola del Toro, die eigentlich beleuchtet sein müsste. Werner erhöht den Abstand um auf Nummer Sicher zu gehen. Wir tuckern so dahin und ich schlafe. Die Nacht war nicht ganz so entspannend, da das Meer unruhig und die Sicht schlecht war. Aber das GPS hat uns sicher nach Ibiza geleitet. Wir telefonieren noch mal mit unserem Freund Manfred, da wir nicht glauben können, dass auf dieser Position eine Marina sein soll. Man sieht die Einfahrt wirklich erst wenn man kurz davor ist. Die Marina ist belegt, also ankern wir davor in der Bucht. Touristen lassen sich hier von schnellen und ebenso lauten Motorbooten auf Fantasiegebilden, die kurz vor dem Umkippen sind, hinterher ziehen. Na ja, es ist sehr lebhaft. Die Nacht ist auch nicht so ruhig, der Wind bläst, der Schwell ist ziemlich stark, wir gehen mehrmals den Anker prüfen und von der Stadt her kommt ziemlicher Lärm von Discos, Lokalen und anderen Festivitäten rüber. Es ist eben Ibiza die Party-Insel. Nicht gerade unser Favorit.
Jetzt hat unser Trinkwasservorrat in Flaschen doch nicht gereicht, deshalb pumpt Werner unter viel Kraftaufwand und Schweißverlust mit einer Konstruktion aus Wasserschlauch und Schlauchbootpumpe Wasser durch den dünnen Überlauf aus dem Trinkwassertank. Die Ausbeute liegt bei ca 1-2 Liter pro Minute. Unsere Wasserpumpe ist immer noch kaputt und deshalb ist er mit dem Dingi an Land gerudert um eine Neue zu besorgen. Er kommt zurück und meint in der Marina gibt es außer Schicki Micki Kleidung nicht viel. Jedenfalls hat er keine Wasserpumpe dabei. Wir hören auf den Ratschlag unseres Freundes Manfred, nach Torrevieja zu segeln, um dort bei Oliver Marine eine neue Pumpe zu kaufen.
Die Steuerseile sind eingefettet, Öl kontrolliert, Schlauchboot an Deck und es kann losgehen. Ach ja, das Wichtigste, die Wegpunkte müssen noch ins GPS geklopft werden. Genügend Sprit ist im Tank. Also ab in Richtung Alicante, Marina Torrevieja wir kommen – noch nicht! Wir wollen nicht bei Dunkelheit ankommen, die Sonne geht schon früh unter, also fahren wir morgen früh am Donnerstag den 03.08. pünktlich um sieben Uhr los. Im Gegensatz zur vergangenen Nacht, in der uns der Wind nicht schlafen ließ, herrscht jetzt Windstille. Also Motor an, Anker auf und los geht´s Kurz vor der Durchfahrt zwischen den Inseln Ibiza und Formentera, ich mache uns gerade Tee, bemerke ich einen eigenartigen Geruch. Werner öffnet die Klappe zum Motorraum, beißender Qualm kommt ihm entgegen. Sofort Motor aus. Nachdem der Motor etwas abgekühlt ist, eine genauere Inspektion.
Kein Wasser im Kühler! Wir haben doch alles kontrolliert. Haben wir es übersehen? Nein, bestimmt nicht., das weiß ich genau.Wasser ist wieder aufgefüllt, Temperatur Normal. Nun durchqueren wir die Passage. Es herrscht ein Verkehr wie in München am Stachus. Nachdem wir durch sind, kehrt Ruhe ein. Wir motoren immer noch, das Meer ist spiegelglatt und kein Lufthauch rührt sich, was mir sehr komisch vorkommt. Es herrscht eine eigenartige Atmosphäre. Gegen Abend hat sich immer noch nicht viel geändert. Auf Backbord sind Cirruswolken zu sehen aber auf Steuerbord Cumulonimbus die nichts Gutes verheißen. Es wird immer dunstiger, wir stellen das Radar an. Mit einmal klart es auf. Gut, es war also nichts, nur das Meer wird etwas unruhiger. Werner steht am Ruder. Plötzlich sehe ich zwei große Ballen an der rechten Ecke des Radars. „Werner, Werner es sind Inseln, fahr nach Backbord“. „Wo sollen hier Inseln sein, hier ist nur Wasser“. Er schaut sich das Radarbild genauer an und meint „mach alles bereit, eine Gewitterfront überrollt uns“. Sie überrollt uns nicht, wir kommen noch gerade so an ihr vorbei aber nur um in die nächsten vier, sechs acht oder mehr Fronten, ich zähle sie nicht mehr, direkt hinein zu fahren. Etwas Regen, wir werden wohl nass werden denken wir, dann ist es vorbei. Daneben getippt. Jetzt geht es richtig los. Der Regen prasselt vom wolkenverhangenen Himmel und es blitzt und kracht dass man glauben könnte, jeden Augenblick geht die Welt unter. Blitze, wie wir sie nur von dramatischen Fotos kennen, rote, gelbe, weiße, sie sind so grell, dass ich sekundenlang mit geschlossenen Augen dastehe. Selbst Werner, der am Ruder steht, muss teilweise die Augen schließen. Die Gewitterfronten haben wir nun Gott sei Dank hinter uns und wir sind durch. Es war zwar beeindruckend aber nun ist es vorbei – denken wir.
Wir sind in der Straße von Ibiza in Höhe von Cabo del Nao und segeln in Richtung Benidorm als uns eine Sturmfront von achtern überrollt. Wellen bis zu vier Metern schieben uns vorwärts. Das Großsegel ist zum Glück schon geborgen und nur die Fock steht noch. Unsere „Lady“ meistert das Wellenreiten mit Bravour. Selbst als es durch eine Querwelle etwas heikel wird, tanzt sie wie ein Korken. Werner steht seit Mitternacht am Ruder. Um 2:30 Uhr geht der Sturm los. Wir warten auf den Tag damit wir besser sehen können. Um uns ist rabenschwarze Nacht nur auf dem Radar erkennen wir vereinzelte Schiffe und wir wissen, dass nicht nur wir diesen Sturm abwettern. Die Küste hebt sich schwach vom Hintergrund ab, es fängt langsam an zu grauen. Wir sehen große Dickschiffe die in Richtung Hafen fahren oder besser gesagt, stampfen. Ich glaube es ist Alicante. Genau weiß ich es nicht. Ich lasse Werner nicht vom Ruder weg um eine Ortsbestimmung zu machen. Ich habe einfach zu viel Angst bei diesem Seegang ans Ruder zu gehen. Den Gedanken, den Großschiffen hinterher in den sicheren Hafen zu folgen, lassen wir gleich wieder fallen. Wir müssten nämlich mehrere Meilen gegenan und das ist uns bei diesem Seegang zu gefährlich, da wir unter anderem auch eine längere Strecke quer zur Welle fahren müssten. Also weiter. Wir sind auf einem Wellenkamm und da sehe ich plötzlich zwei bis drei Meilen vorab Felsen aus dem Wasser ragen. Nun wird es immer heller und der Sturm lässt etwas nach. Laut Karte ist auf Steuerbord das Cabo de Santa Pola und Backbord, der „Felsen“ Ock, wie das Inselchen .genannt wird. Wir fahren zwischen Cabo de Pola und Ock durch und gehen in der Bucht vor dem Hafen vor Anker. Zuvor, bei der Durchfahrt erleben wir noch einmal einige Schrecksekunden. Die Kühlwassertemperatur steigt wieder auf über 100°C und der Kühler kocht. Werner ist sofort wieder im Motorraum und füllt Wasser nach. Dabei bemerkt er, dass die Kühlwasserleitung an der Schweißnaht am Flansch gerissen ist und der Motor Wasser verliert. Wir werden uns später damit befassen. Wir sind fertig und wollen erst mal schlafen.
Durch einen Anruf von unserem Freund aus Deutschland, der sich nach unserem Befinden erkundigt und der unseren Weg zu Hause auf der Karte verfolgt und uns moralisch unterstützt, Handy sei Dank, erfahren wir, dass es beim Durchzug der Gewitterfronten innerhalb von zwei Stunden 1600 Blitze gab. Wie stark der Wind war kann ich nicht sagen, da unser Windmesser während des Sturms den Geist aufgegeben hat. Jedenfalls rufen 15 Yachten, die in Seenot geraten sind, um Hilfe. Soweit jedenfalls die Zeitungsmeldung am nächsten Tag. In den Lokalnachrichten wird sogar von fünf verloren gegangenen Schiffen gesprochen. Viele Charteryachten, die wir an diesem Tag vor dem Sturm noch sehen, sind vom Sturm völlig überrascht worden. Dadurch, dass unser Radar rechtzeitig an ist sehen wir die Gefahr kommen und können uns vorbereiten. Beim Telefongespräch mit unserem Freund am nächsten Tag erfahren wir auch wo die Firma Oliver Marine zu finden ist. Wir wollen dort die Schweißarbeiten am Kühlrohr durchführen lassen und endlich die Pumpe wechseln.
Also Dinghi ins Wasser und an Land. Wir können die Werkstatt nicht finden. Nach einem weiteren Telefonat stellen wir fest, dass wir nicht in Torrevieja sondern in Santa Pola sind. Ich glaube ich bin doch nicht ganz wach, ich hätte es auf der Karte sehen müssen. Zurück aufs Schiff, erst mal eine Stärkung und ein kühles Bier. Welch ein Genuss.
Die Bucht in der wir liegen ist sehr groß, wir ankern auf drei Meter Tiefe. Sehr ruhig, so gut wie kein Schwell, guter Ankerplatz. Man ist mit dem Dinghi gleich an Land und nach zehn bis fünfzehn Minuten Fußweg in der Stadt. Nach einer erholsamen Nacht und einem guten Frühstück versuchen wir unser Problem mit dem Kühlwasser zu lösen um die 30 Meilen nach Torrevieja hinter uns zu bringen.
Erster Versuch: Einwickeln mit Hanf, quellen lassen und mit Fünf Minuten Epoxy beschmieren. Es bringt nichts.
Zweiter Versuch: Mullkompressen, die mit Zweikomponentenkleber getränkt sind, werden um das Rohr gewickelt. Gut dass ich den Kleber noch eingepackt habe. Trocknen lassen und prüfen. Erfolg: besser, aber immer noch undicht.
Dritter Versuch: Radikallösung. Klarsichtfolie um das feuchte Rohr wickeln und dick mit Sikaflex einschmieren. Wir warten. Wir müssen motoren wenn wir nach Torrevieja wollen, da der Wind uns genau auf die Nase bläst und unsere Lady nicht so hoch am Wind gehen kann. Kreuzen kommt nicht infrage Wir wollen heute noch ankommen.
Das Silikon hat gut abgebunden, wir starten den Motor. Ergebnis: das Rohr ist dicht. Anker auf und ab in Richtung Süden. Wir versuchen trotzdem zu segeln, es geht nicht. Motor an. Die Klappe zum Motorraum bleibt offen, die Temperatur steigt langsam, bleibt aber bei 80°C stehen. Immer wieder kontrolliere ich die Anzeige und schaue in den Motorraum ob sich was verändert. Alles in Ordnung. Die Fock stabilisiert unsere Fahrt, die Logge zeigt sechs Knoten. Wir fahren an Warnbaken vorbei, die, so glauben wir, vor Fischzuchtbecken installiert sind. Dann sehen wir schon die lange Mole von Torrevieja. Das Ende der Mole wird weiträumig umfahren um von Süden kommend in den Hafen zu gelangen. Wir ankern im Vorhafen. Sehr unreiner Grund. Er ist übersät von alten Stahlseilen, Tampen und anderem Unrat. Da wir gerade zur Hauptsaison hier sind, ist am Wochenende die Hölle los. Jeder der ein Boot hat, fährt hier hin, ankert und badet. Ich komme mir vor wie in einer Schrebergartenkolonie. War da die Bucht von Santa Pola schön ruhig. Abends werden die Motorboote wieder in die Box gefahren und die Segler sind wieder unter sich.
Der Chef von Oliver Marine kommt zu uns und begutachtet die Schäden. Wir bekommen auch einen Platz am Steg zugewiesen und machen dort fest. Heute, Dienstag 8.August, der Motor wird repariert. Die Segel sind beim Segelmacher. Wir glauben dass der Außenborder auch einen Schlag wegbekommen hat, er lässt sich nicht starten, also auch zur Reparatur. Ich sammle die Wäsche zusammen und bringe sie zur Wäscherei. Nach ein paar Stunden bekomme ich sie zurück. Sie riecht frisch und sauber, ist das eine Freude.
Das Wetter ist heute nicht so gut, es gibt am Morgen schon ein Gewitter. Die Sonne tut sich schwer um durch die Wolken zu kommen. Es könnte sich was zusammenbrauen, aber bitte nur so lange wir im Hafen liegen.
Unser nächstes Reiseziel liegt drei Tage entfernt. Dort wollen wir tanken und den Wetterbericht abwarten. Dann kommt die Fahrt durch die Straße von Gibraltar und danach, wenn alles gut geht, geht´sin Richtung Lanzarote. Die Strecke wird nicht ganz 1000 Meilen sein. Die Route ist schon abgesteckt und ins GPS eingegeben. Aber jetzt ruhen wir uns erst mal aus. Wir kommen gerade aus der Stadt und es regnet. Wir haben alles verrammelt und verriegelt und warten ab.
Es ist Mittwoch und wir bekommen unser Segel zurück. Die Reparatur am Kühlwassersystem ist immer noch nicht fertig, ebenso wenig der Außenborder. Einen Kostenvoranschlag haben wir ebenfalls noch nicht. Wir werden uns in Geduld üben müssen. Ich habe in Lanzarote Bescheid gegeben, dass wir nicht pünktlich ankommen werden. Freunde von uns kümmern sich, dass die nötige Information an meinem Geschäft angebracht wird. Heute wird auch endlich das Rohr eingebaut, aber nach längerem Probelauf wird es wieder undicht. Also Rohr ab und noch mal verschweißt, wieder eingebaut und nun funktioniert es. Jetzt liegen wir schon fast eine Woche hier. Wir haben die Segel wieder aufgezogen und kontrolliert. Eine sehr saubere Arbeit.
Es ist Samstag, alles ist repariert, auch der Außenborder und die Pumpe und wir packen es an. Es geht in Richtung Estepona, eine Marina vor der Straße von Gibraltar. Dort wollen wir tanken und den Wetterbericht abwarten. Es ist guter Wind, also segeln wir, können aber den Kurs nicht genau halten und müssen vor dem Wind kreuzen. Hoffen aber dies durch die gute Geschwindigkeit von 7 Knoten wieder wett zu machen. Die See ist sehr unruhig, ich glaube ich bin Seekrank. Kann nicht ans Ruder, kann nichts essen und nichts trinken. Mir geht es richtig mies. Schlafe immer wieder. Werner und später der Autopilot müssen meine Arbeit am Ruder übernehmen. Es geht mir wieder besser, nachdem ich genügend geschlafen habe. Die mondhelle Nacht kommt mir sehr entgegen. Ich löse Werner am Ruder ab.
Wir können in Torrevieja nicht tanken, die Tankstelle ist geschlossen, Wir fahren nach Garrucha. Die Tankstelle ist, heute am Sonntag, ebenfalls geschlossen. Wir warten bis morgen, dann geht es weiter nach Estepona. Es wird ca. 1 – 2 Tage dauern. Unser Freund Manfred hat uns für Dienstag – Mittwoch kein gutes Wetter vorausgesagt. Also heißt es, dass wir in Estepona mindestens zwei Tage hängen bleiben. Ich glaube alles ist gegen uns. Die Tankstelle wartet auf Diesel. Es ist 13:00 Uhr und sie hat immer noch keinen Sprit, die Zeit läuft uns davon. Nachdem Werner den Dieselverbrauch und den verbleibenden Tankinhalt ausgerechnet hat, beschließen wir nach San Jose zu fahren. Dort gibt es eine kleine Marina, in der, so hoffen wir, Diesel zu bekommen ist. Es sind zwar nur 30 Meilen, aber alles gegen Wind und Strömung. Wir kämpfen uns voran. Alles ist nass. Durch die Doradelüfter kommt das Wasser nur so rein. Ich stelle einen Eimer darunter. Mehrmals muss ich die Bilge entleeren. Werner steht die ganze Zeit am Ruder. Ich übernehme es nur so lange Werner die Ortsbestimmung macht. Nach neun Stunden haben wir endlich die dreißig Meilen geschafft. Wir liegen in der Bucht vor der Marina, diese ist belegt und wir können nicht anlegen. Ich habe an Deck geschlafen. Ankeralarm war zwar an, aber man kann nie wissen. Es ist vormittags und wir haben jetzt schon frischen Westwind. Das ist sehr ungewöhnlich. Laut Wetterbericht wird erst nachmittags starker Westwind, bis zu Windstärke 7, in der Bucht von Almeria erwartet. Werner besorgt gerade Diesel mit dem Dingi. Die Tankstelle ist so klein, dass wir dort nicht anlegen können. So füllen wir Kanister für Kanister unseren Tank auf. Nach San Jose gibt es noch eine kleine Bucht in der viele Segler vor Anker liegen. Dort wollen wir hin. Sie scheint sicher vor den Westwinden, da die Berge abschirmen. Wir denken dort sind wir geschützt. Der Wind bläst bereits sehr kräftig und der Anker hält nicht auf dem Sandgrund. „Ach was gäbe ich jetzt für einen Bügelanker“ meint Werner. Wir haben die Nase voll, holen den Anker auf und fahren die dreißig Meilen wieder zurück nach Garrucha. Nach sechs Stunden sind wir da und stehen laut GPS in Höhe des Hafens, können aber wegen der Hintergrundlichter der Stadt beim besten Willen die Einfahrt nicht finden. Ich fahre ganz langsam in die Bucht ein, suche krampfhaft die Kennung der Einfahrt, als es plötzlich unter dem Kiel knirscht. Aufgelaufen! Ich reiße sofort den Schalthebel auf Rückwärtsgang und gebe Vollgas. Es knirschte noch mal und wir sind wieder frei. Der Schreck fährt uns beiden gehörig in die Glieder. Werner ist gerade am Kartentisch und schaut nach der Position. Wir vergleichen mit der Karte. Keine Untiefe, kein Wrack, keine Klippen. Wir wissen bis heute noch nicht was es war. Wir prüfen sofort sicherheitshalber die Bilge. Aber es ist nichts. Bei Tageslicht werden wir die Stelle noch mal absuchen (vorweggenommen: wir können nichts entdecken). Wir beschließen bis Sonnenaufgang zu warten, da man dann, von Süden kommend, wunderbar die zwei Kamine, die auch in der Karte verzeichnet sind, als Navigationshilfe benutzen kann. Wir fahren, wie gehabt, wieder in den Hafen und ankern. Nach einem guten Frühstück legen wir beide uns ins Cockpit und schlafen. Plötzlich weckt mich Werner auf und sagt mir, dass wir abdriften. Schnell den Motor an und Anker aufgeholt. Der Wind steht genau auf der Einfahrt und es ist im Hafenbecken sehr ruppig. Wir gehen am Industriepier längsseits und sind bemüht unser Schiff richtig zu vertäuen. Wir liegen im Moment ziemlich tief (Ebbe) und ich komme unmöglich an Land. Unser Schiffsnachbar, der bereits an der Pier liegt, nimmt die Leinen an und macht sie fest. Nun liegen wir sicher. Ach ja, die Tankstelle. Was soll ich sagen, sie hat nach zwei Tagen immer noch keinen Sprit. Wir hätten also auch gleich da bleiben können.
Am nächsten Tag gehen wir in die Stadt, kehren aber bald wieder zurück, da die Windböen immer heftiger werden und wir das Boot nicht alleine lassen wollen. Zurück an der Pier befestigen wir noch eine zusätzliche Spring. Eben kommen zwei englische Yachten an. Eine legt sich vor Anker, den anderen deutet Werner sie sollen sich an die Mole legen. Langsam füllt sich das Hafenbecken. Es kommen immer mehr Segler. Teilweise liegen sie im Päckchen an der Pier. Wie auf Kommando erscheint die Polizei und kontrolliert die Dokumente der Crews. Einzig wir und die SY Ollie bleiben verschont. Warum? Keine Ahnung.
Bei einem anderen Boot, das im Hafen an dem kleinen, voll besetzten Steg liegt, ist der Festmacher gebrochen und es schlägt mit dem Heck gegen seinen Nachbarn. Die spanischen Eigentümer lassen sich trotz des Sturmes nicht blicken. Andere Segler springen auf den Steg und machen das Boot wieder fest. Dieser Steg ist trotz Mooringleinen nicht zu empfehlen. Der Himmel wird immer dunkler und Sand wirbelt durch die Luft. Werner schläft und ich sitze im Salon und schreibe. Ab und zu sehe ich nach ob an Deck noch alles in Ordnung ist. Unsere englischen Nachbarn sie lagen übrigens auch in der Bucht von San Jose schon neben uns, sind ebenfalls zurück gekommen, da Sturmböen von 45 kn (83km/h) sie von dort vertrieben haben. Bin ich froh, dass wir doch schon vorher weggefahren sind. Die Winde in dieser Bucht scheinen nicht so harmlos zu sein. Als wir dort noch zu ankern versuchen, wird gerade eine holländische 42 Fuß Yacht mit einem aus Cadiz angeforderten Schlepper ca. 15 – 20 Meter weit über den Strand zurück ins Wasser gezogen. Die Yacht schwimmt nach einigen Metern im Wasser auf, bleibt aber am Haken und wird weggeschleppt. Ich würde also sagen, Vorsicht ist in dieser Bucht auf jeden Fall angebracht.
Unser Schiffsnachbar Harald, mit seiner Segelyacht Olli, hat uns den Wetterbericht mitgebracht. Es gibt ein Internetcafe direkt am Hafen (Ciberchen) für drei Euro pro Stunde. Außerdem kocht dort die „Mama“ selber wunderbare Paella für 3.50 € pro Portion. Sie schmeckt hervorragend. Man kann dort auch sein Handy an den Strom hängen. Der Wind hat zwischenzeitlich ein wenig nachgelassen und morgen am Samstag, müssen wir wieder vor Anker gehen, da am Sonntag ein großer Frachter erwartet wird. Die meisten der anderen Yachten verlassen, trotz immer noch starkem Wind, den Hafen.
Heute, am Sonntag, gibt es wieder Böen bis 38kn (70km/h) und am Montag sollen es sogar 48kn (90km/h) werden. Wir müssen auf jeden Fall bis Dienstag weg, die Zeit drängt. Laut Wetterbericht soll es dann „nur“ noch mit 5 bft aus Osten blasen.
Wir wollen Dienstagmorgen bereits um fünf Uhr abfahren, sprechen daher mit dem Tankstellenbesitzer, dass wir abends als letzte tanken und fragen ob wir über Nacht an der Tankstelle bleiben können. Er sagt uns zu. Im Moment aber liegen wir immer noch im Hafenbecken, aber diesmal gesichert mit zwei Ankern. Wir wollen nicht noch mal auf Drift gehen. Unser Nachbar Harald ist heute nach Norden, in Richtung Aquilla gesegelt. Schade, es waren nette Tage mit ihm. Nachmittags sehen wir zahlreiche Quallen, die vom Sturm in den Hafen geschwemmt werden. Der Wind lässt nach und das Wasser beruhigt sich schnell. Ich habe meinen Schlafsack ausgepackt, da es mir letzte Nacht zu kalt war. Und das im August.
Werner nützt das etwas ruhigere Wetter um einige kleinere Reparaturen durchzuführen und ich räume auf. Der Frachter hat nun angelegt und wird mit Feldspat beladen. Hektische Betriebsamkeit am Pier. Lkws bringen laufend neue Fuhren an, die Bagger schaufeln sie
zusammen und Schaufellader schütten die Fracht auf Transportbänder, die wiederum alles im Schiffsbauch abladen. Wir liegen in der Nähe der Tankstelle und warten darauf, dass wir tanken können. Ein großes Motorboot hat sich an die Tankstelle gelegt und ist nicht mehr gewillt diese zu verlassen, obwohl er nicht mehr tankt. Wir warten, dass wir an die Zapfsäule kommen, werden aber, obwohl wir auf uns aufmerksam machen, völlig ignoriert. Werner hat den Weg nach Almeria ausgerechnet, da er dort, wenn alle Stricke reißen, tanken kann. Inzwischen kommt eine spanische Segelyacht, die ebenfalls tanken will.
Auch sie wird ignoriert. Der Segler dreht mehrere Kreise und kann es nicht glauben. Nach einer etwas laut geführten Diskussion zwischen Brumm-Brumm- Fahrer und (spanischen) Yachti bequemt sich der (spanische) Besitzer der Motoryacht endlich den Platz zu räumen. Der Segler deutet uns, wir sollen vor ihm an die Tankstelle fahren, da er hinter uns liegend übernachten will. Endlich können wir tanken, mir fällt ein Stein vom Herzen, so groß wie halb Spanien. Wir füllen auch gleich noch unsere Kanister auf. Ich habe mich noch mal bei dem Segler bedankt. Es gibt auch noch gute Menschen, nicht nur so arrogante Schnösel, wie dieser Motorbootfahrer. Gott sei Dank sind solche Typen in der Minderheit. Jetzt steht eigentlich einer Weiterfahrt nichts mehr im Weg. Das Wetter soll Morgen auch besser werden. In zwei Tagen möchten wir in Duquesa sein, das wir Estepona vorziehen, da es näher bei Gibraltar liegt
Es ist fünf Uhr und wir kommen pünktlich weg. Es steht noch eine hohe Dünung vom vergangenen Sturm. Mir ist wieder schlecht, ich glaube ich vertrage die langen Pausen nicht. Werner motort und ich schlafe und schlafe. Kurz vor Capo de Gata wache ich wieder auf. Es ist bereits zehn Uhr. Ich merke, wie schnell wir diesmal vorangekommen sind. Ohne Gegenwind und Gegenströmung. Wir brauchen gegenüber dem ersten Mal für die gleiche Strecke vier Stunden weniger.
Es geht zügig voran. Unterwegs überholt uns der spanische Segler aus Garrucha, er fährt mit Vollgas, was das Zeug hergibt. Es gibt ein großes Gewinke und ich bin ihm immer noch dankbar, dass er uns geholfen hat. Schnell verschwindet er am Horizont. Wir haben die Bucht von Almeria hinter uns gelassen und bereiten uns auf die kommende Nacht vor. Die hohe Dünung lässt merklich nach, aber es frischt auf. Eingemümmelt in dicker Jacke und Mütze kuschle ich mich in meinen Schlafsack und leiste Werner im Cockpit Gesellschaft. Bin aber keine gute Gesellschafterin, ich schlafe sofort ein. Wir kommen schneller voran als gedacht. Wenn wir so weiterfahren kommen wir in Duquesa noch bei Dunkelheit an. Um dies zu verhindern setzen wir, trotz leichtem Wind die Segel. Es geht jetzt mit weniger als drei Knoten vorwärts. Dieses bummeln sehen wir als „Urlaubstag“. Und was für einen! Gegen 17:00 Uhr werden wir von Delphinen regelrecht eingekreist. Sie springen und schwimmen unter, neben, vor und hinter dem Schiff, zeigen ihren Bauch, drehen sich so, dass sie dich anschauen können. Je mehr ich mich freue und es ihnen durch Gesten und Zurufe zeige, desto wilder und höher werden ihre Sprünge. Es ist nicht zu beschreiben, man muss es erleben. Einige kommen genau von vorne auf uns zu und queren dann den Bug im Abstand von nur einigen Zentimetern. Wie mein Hund, der sich quer stellt, wenn er meint, ich soll eine andere Richtung einschlagen. Ist es ein Spiel oder wollen sie uns vor etwas warnen? Ich stelle diese Frage, weil ich einen Bericht gelesen habe, wo genau dieses Verhalten beobachtet wurde und die Segler damals in einen schweren Sturm gerieten und wieder umkehren mussten.
Bei uns ist es ähnlich. Kurz vor Duquesa werden wir vom Nebel eingeschlossen. Es ist so eine dicke Suppe, dass man regelrecht Platzangst bekommen kann. Wir können teilweise vom Cockpit aus den Bug nicht mehr sehen. Also beschließen wir, zurück zu fahren, in der Hoffnung, dass es dort wo wir noch vor einer Stunde waren, nebelfrei ist. Pustekuchen. Selbst in der Höhe von Marbella dicker Nebel. Dann eben nicht, langsam zurück in Richtung Duquesa. Er wird sich dann wohl im Laufe des Vormittags auflösen. Die Sonne hat ja allerhand Kraft im August. Wir sind jetzt sieben Seemeilen vor Duquesa. Immer noch die gleiche undurchdringliche Nebelwand. Wir spüren die wärmende Sonne, sie ist aber nicht imstande den Nebel aufzulösen. Mit einem Mal hören wir die Geräusche eines schweren Schiffsdiesels. Es muss ein Fischer sein. Er kommt näher, wir können ihn aber nicht auf dem Radar orten. Er kommt direkt auf uns zu, wir sehen die Umrisse und geben Schallsignal mit dem Nebelhorn, aber kein Erfolg. Er kommt immer näher. Werner wirft schnell den Motor an und nichts wie weg. Das war knapp, er hat uns gar nicht bemerkt. Wir schalten den Motor wieder aus und lauschen. Plötzlich kommt von Backbord ein anderer Segler aus dem Nebel. Ein Franzose. Er kommt von Gibraltar und will nach Marbella. Er erzählt uns dass die Nebelwand bis an die afrikanische Küste reicht. Wir beschließen ebenfalls nach Marbella zu fahren und auf besseres Wetter zu warten. Der Schreck mit dem Fischer liegt uns noch in den Knochen. Wir fahren in die Marina La Bajadilla. Eine halbe Meile vor der Küste ist der Nebel wie mit dem Messer abgeschnitten. Immer wieder hören wir auf der Herfahrt das tuten der Nebelhörner anderer Schiffe.
Uns wird ein Liegeplatz zugewiesen und wir machen ganz in Ruhe am Steg an der Mooringleine fest. Es ist eine sehr nette Marina, gepflegt und sehr freundliches Personal. Wir bekommen für unsere spätere Weiterfahrt in der Rezeption die Gezeitentabelle für Gibraltar kostenlos ausgedruckt. Es stehen hier, gegen geringe Gebühr den Marina Benutzern, Waschmaschine und Trockner zur Verfügung, welche ich gleich nutze. Mit unserer französischen Bekanntschaft Jacky und Rossy gehen wir am Abend in ein Fischrestaurant in Marbella. Es ist ein sehr netter Abend. Nur ab und zu gibt es Verständigungsschwierigkeiten, da Jacky etwas Probleme mit dem Englisch hat. Seine Frau Rossy, eine geborene Bulgarin, muss dann übersetzen. Sie erzählen uns, dass sie am nächsten Tag über Ibiza und Sardinien nach Tunesien wollen um das Schiff dort überwintern zu lassen. Was
viele Franzosen tun. Wir geben ihnen unsere Karten von der Küste Spaniens, Ibizas und Sardiniens. Bei der Verabschiedung bekommen wir als Dank Wein und selbst gefangenen und eingemachten Thunfisch. Den habe ich heute probiert. Lecker. Wir wollen morgen wegfahren. Nach der Gezeitentabelle wäre neun Uhr morgens der richtige Zeitpunkt. Wir kennen nun ja die Strecke. Drei Stunden nach Hochwasser in Gibraltar müssen wir am Europapunkt sein um mit dem ablaufenden Wasser in Richtung Atlantik gespült zu werden. Ich glaube ich krieg mich nicht mehr. Heute um acht Uhr aufgestanden und was sehe ich? NICHTS! Dicker Nebel verhüllt Land und See. Das darf doch nicht wahr sein! Das nächste günstige Zeitfenster ist heute Abend gegen 23:00 Uhr. Wir hoffen, dass sich der Nebel bis dahin aufgelöst hat. Es ist auch Wind aus Ost angesagt, mit dem wir dann tagsüber durch die Straße von Gibraltar segeln können. Wir warten ab, wie immer.
Inzwischen ist der Nebel so dicht, dass wir die Fischerboote im Hafen nicht mehr sehen können. Nur die Fischer hören wir diskutieren. Unser Nachbar, ein Spanier erzählt uns, dass der Nebel bis Marokko und Malaga reicht. Hoffentlich müssen wir nicht wieder durch diesen hindurch.
Nun liegen wir, außerplanmäßig, an der Pier in Tarifa.
Was ist geschehen?
Wir sind in der Nacht gut vorwärts gekommen, trotz Nebel. Überall hört man die Nebelhörner. Gewarnt vom Erlebnis in der Adria mit der Fähre, lassen wir den Motor mitlaufen um bei Gefahr schneller reagieren zu können. In der Bucht von Gibraltar liegen ca. 30 Frachter und Tanker, wie auf einer Perlenschnur aufgereiht, auf Reede. Es werden immer mehr, sie kommen hauptsächlich aus Richtung Atlantik, also uns entgegen. Diese stören uns nicht so sehr. Man hat sie ja im Blick. Immer wieder hören wir ein Dickschiff tuten, sehen aber nichts. Mit der Zeit bemerken wir, dass sich ein auf Reede gelegenes Schiff, an Backbord in Bewegung setzt. Die Richtung die er einschlägt hat mit uns nichts zu tun. Der Bug bzw. die Positionslichter zeigen an, dass er unseren Weg achterlich kreuzen wird. Unter ständigem Hupen kommt er immer näher und war fast vorbei, als er plötzlich die Richtung ändert und hinter uns herfährt Wir werden nur deshalb darauf aufmerksam, weil uns das ständige Gehupe nervte. Er war bereits so nah, dass ich keine Positionslichter mehr sehen kann.. Werner bleibt nichts anderes übrig als Vollgas zu geben und nach Backbord (woher der andere vorher kam) auszuweichen und einen großen Kreis zu drehen um hinter dem Frachter wieder Kurs aufzunehmen. So ein Trottel. War es Absicht oder hat er uns nicht gesehen, was ich mir nicht vorstellen kann, hatte er uns doch achterlich schon fast gekreuzt. An uns vorbei, steht er immer noch auf dem Schiffshorn und hupt lustig weiter. Ich glaube der Kapitän denkt wohl „Augen zu, Hupe auf und durch“. Ich hätte zu gerne seine Nationalität gewusst. Vielleicht eine Billigflagge mit einem Kapitän, der einige Wochen zuvor noch gar nicht wusste was ein Schiff ist. Was mich weiterhin verwunderte ist sein Kurs. Normal hätte er in Richtung Verkehrstrennungsgebiet fahren müssen. Er aber er fährt genau parallel dazu.
Gegen zehn Uhr vormittags, wir passieren gerade Tarifa, fängt der Motor plötzlich an zu stottern. Ich sage: „Werner, fahr sofort nach Tarifa in den Hafen, es liegt direkt querab“. Wir drehten um und queren die unangenehme Kreuzsee, die auch auf der Karte verzeichnet ist. Das Vorschiff ist teilweise unter Wasser und der Wind weht uns genau auf die Nase. Wir sind klitschnass, hatten davor die Segeljacken bereits ausgezogen, da wir ja achterlichen Wind haben und es warm ist. Durch die eingetretene Situation haben wir keine Möglichkeit mehr, uns wieder anzuziehen. Wir sind ca. eine halbe Meile vor der Einfahrt als der Motor streikt. Durch Wind und Welle geschoben treiben wir genau auf die Klippen der Hafeneinfahrt zu. Werner meint noch, was nicht gerade zu meiner Beruhigung beiträgt: „wenn wir dort auflaufen ist nicht nur das Schiff hin, sondern wir auch“.
Werner stellt das Boot quer zum Wind und die Fock, die immer zur Stabilisation oben bleibt bläht sich auf und die Lady nimmt Fahrt auf. Es geht in Richtung Küste, wo die Wellen etwas kleiner sind. Nach einer Halse werden wir wieder in Richtung Klippen abgetrieben. Neue Halse und weiter in Richtung Küste. Nochmalige Halse und wir sind aus der Strömung und segeln in Richtung Afrika. In der Zwischenzeit verständige ich die Seenotrettung und sage ihnen wie es um uns steht und wir unter Segel nicht in den Hafen können. Sie erklären uns, dass wir dies auf keinen Fall versuchen sollen, da die Strömung in Richtung Klippen zu stark sei und wir es ohne Motor nicht schaffen würden. Einige Minuten später sind sie da und nehmen uns an den Haken. Sie schleppen uns in den Hafen und bugsieren uns an die Mole.
Nachdem wir an der Mole festgemacht haben, bestätigt man uns noch mal, dass wir uns richtig verhalten hätten, indem wir nicht versuchten den Hafen unter Segel anzulaufen. Alle die bisher glaubten sie könnten es schaffen landeten laut Auskunft der Seerettung auf den Klippen.
Ich bin fix und fertig und habe die Schnauze voll. Ich bin wütend, frustriert und ausgelaugt. Kann denn nichts normal sein! Dies passierte am Sonntag. Heute Dienstag kommt endlich der Mechaniker. Israel, von der Seerettung hat sich dahinter geklemmt. Es gibt nur zwei Mechaniker und keiner hat für uns Zeit. Es ist immer gut, wenn man einen einheimischen Fürsprecher hat. Wir liegen hier schließlich nicht in einer Marina, sondern in einem Fischer und Fährhafen. Wir werden mit einem Deutschen bekannt gemacht, der auch im Hafen liegt und seine 20 Meter-Motoryacht repariert. Einer seiner zwei Motoren ist ausgefallen. Ich erzähle ihm unser Erlebnis. Es beruhigt mich sehr, als er mir bestätigt, dass es nicht ungewöhnlich ist, dass immer wieder unvorhergesehene Dinge passieren. Und ich dachte schon nur uns geht es so. Er erzählt uns was er mit seiner 50 Jahre alten holländischen Motoryacht schon alles erlebt hat. Da haben sich meine Erlebnisse plötzlich relativiert und ich bin froh, dass uns nicht Schlimmeres passiert ist.
Auf Anraten des Mechanikers versuchen wir einen neuen Dieselfilter zu bekommen. Wir suchen ganz Tarifa danach ab. Ohne Erfolg. Also wird der alte gereinigt und wieder eingebaut. Ich hoffe er macht uns nicht noch mal Ärger. Heute Montag fahren wir mit der Katamaran Fähre nach Tanger. 35 Minuten für die ca. 25 Meilen. Wir werden bei der Ankunft von einem Fremdenführer angesprochen. Für 20 Euro nehmen wir seine Dienste an. Es ist ein älterer Herr (Berber) von 75 Jahren und spricht mehrere Sprachen. Er erzählt uns, dass er schon fast auf der ganzen Welt rum kam. Mohammed, so sein Name, führt uns durch verwinkelte Gässchen und kleine Geschäfte und zeigt uns die ehemalige Deutsche Botschaft. Dort hatte Kaiser Wilhelm I. zur Eröffnung einen Gummibaum gepflanzt. Inzwischen hat der Baum gigantische Ausmaße angenommen. Die Zeit vergeht viel zu schnell, es fängt schon an zu dämmern. Mit Tüten, Obst und Käse beladen, geht es zurück zur Fähre und nach Tarifa. Es waren herrliche Stunden. Zurück auf unserem Schiff fallen wir müde und mit wehen Füßen in die Kojen.
Heute am Mittwoch wollen wir eigentlich los. Aber wie schon so oft macht uns das Wetter wieder mal einen Strich durch die Rechnung. Es ist Wind bis zu 48kn (ca.90km/h) angesagt, so dass wir, selbst wenn wir es wollten, nicht aus dem Hafen kommen. Der Wetterbericht sagt allerdings für Samstag günstigere Verhältnisse voraus. Also was tun wir? Abwarten, wie immer. Das Geschaukel und der Gestank der Fähren, die stündlich an uns vorbei fahren gehen uns langsam auf den Keks. Segel, Mast und Schiff sind bereits vom schwarzen Ruß überzogen. Nachts um drei Uhr fährt bei diesem Sturm die Seenotrettung zu einem Einsatz. Am nächsten Tag, als wir uns den Wetterbericht abholen erzählen sie uns, dass sich ein Motorboot mit der Schraube in einem Fischernetz verfangen hatte. Da sie bei Dunkelheit nichts ausrichten konnten, blieben sie bis zum Tagesanbruch neben dem Motorboot liegen. Als die Sicht gut genug war, sprang ein Retter ins Wasser um das Netz zu kappen. Also dieser Job wäre nichts für mich. Man kann die Leistung dieser Leute nicht hoch genug einschätzen. Von hier aus auch noch mal unseren Dank für die uns geleistete Hilfe.
Am Samstag ab 16:00 Uhr lässt der Sturm nach. Es sind nur noch vier Bft. Laut Wetterbericht aber nur für einige Stunden. Die Tide ist günstig und wir wollen weg. Wir warten noch so lange bis die Fähre den Hafen verlässt, dann fahren auch wir los. Wir müssen noch mal kurz gegen Wind und Welle, Werner ist sofort wieder nass. Nach ca. einer Meile die Segel gesetzt, eine Wende und wir sind mit fünf Knoten auf Westkurs. Wir kommen wieder an den Wegpunkt an dem der Motor anfing zu stottern, am Rand der Kreuzsee. Es kommt einen Moment lang ein komisches Gefühl auf, aber dann sind wir auch schon vorbei. Wir segeln bis zum Ende des Verkehrstrennungsgebiets und queren es. Wind, Welle und Strömung stehen gut und wir segeln mit 7 – 7,5 Knoten. Die Großschifffahrt ist wirklich auf dem Posten und sie passen auf uns auf. Von weitem sehen wir schon wie sie ihren Kurs ändern um uns achtern zu queren.
Wir sind nun drei Tage unterwegs und Werner schläft, er bekam in der letzten Zeit doch sehr wenig Ruhe. Ich vertreibe mir die Zeit indem ich Brot backe. Es muss noch abkühlen, ich hoffe es ist was geworden.
Obwohl wir schönen Segelwind haben, müssen wir immer wieder den Motor anwerfen um die Batterien zu füllen. Etwas Luxus gönnen wir uns dann doch indem wir auf den Autopilot und kühle Getränke nicht verzichten wollen. Der Schiffsverkehr wird immer weniger. Wir sind nun so weit auf dem Meer, dass wir auch keine Fischer mehr sehen und auch um die Großschifffahrt wird es ruhig. Wir können nun ohne Stress segeln. Die Wachen werden bedeutend leichter, da man nicht unbedingt dauernd Ausschau halten muss. Das Radargerät läuft und warnt uns, falls ein Schiff oder ein anderes großes Objekt näher als 10 Meilen kommt.
Der Wind weht schon seit längerer Zeit gleichmäßig und ohne Böen, so dass Werner die Fock einholt und die Genua setzt. Ruhig und gleichmäßig rauscht unsere stolze Lady dahin. Wir unterhalten uns, was wir, wenn wir in Lanzarote sind, alles ändern und verbessern wollen. Als könnte sie uns verstehen legt sie einen Knoten zu und scheint uns zu sagen: „ich bin noch ganz fit, ihr müsst nur diese Kleinigkeiten ändern, ich bin besser als die jungen Dinger, denn ich habe Erfahrung“. Meine täglichen Streicheleinheiten scheinen doch was bewirkt zu haben. Selbst unser Autopilot streikt nicht mehr und steuert brav seinen Kurs. Er braucht ja nicht unbedingt zu wissen, dass er zum großen Teil später von einer Windsteueranlage ersetzt wird. Trotzdem hat er seine Daseinsberechtigung auf unserem Schiff nicht verloren.
Mit jeder Meile haben wir unser Schiff lieben gelernt. Natürlich waren die Zwischenfälle ein Problem aber besser jetzt als später. So wissen wir jetzt wenigstens worauf wir achten müssen. Die letzten Meilen in Richtung Lanzarote kommen uns unendlich lang vor und wir verbringen die Zeit mit Spiele z.B. Schiffe versenken – unseres war nicht dabei.
Noch 140 Seemeilen.
Heute werden wir in Lanzarote ankommen. Es ist jetzt 10:00 Uhr und wir sind 18 Meilen querab von Roque del Este. Es ist so diesig, dass wir Lanzarote noch nicht sehen können. Eine Stunde später taucht die Spitze des Monte Corona, einer der höchsten Krater auf Lanzarote, aus dem Dunst auf. Wir segeln an der Küste entlang, lassen Arrieta, Costa Teguise und Arrecife, die Hauptstadt, hinter uns. Bis jetzt hatten wir guten Wind, aber nun schläft er ein – denken wir. Stimmt gar nicht, wir segeln immer noch mit 5 Knoten. Wir sind von dem bisherigen guten Wind bloß so verwöhnt worden. Jetzt werden wir ungeduldig, Werner macht den Motor an, wir wollen so schnell wie möglich nach Playa Blanca in die Marina Rubicon.
Um 19:30 Uhr kommen wir dann auch dort an.
Wir sind da! Knapp 2500 Seemeilen liegen hinter uns.
Mich holt erst mal wieder der Alltag ein. Meine Kunden warten schon auf mich. Auf meine Hunde freue ich mich schon, denn die Sehnsucht nach ihnen wurde immer stärker. Werner wird noch einige Geschäfte abwickeln und dann kann er sich voll und ganz auf die Reparaturen und Verbesserungen konzentrieren um unseren großen Törn, unsere Weltumsegelung vorzubereiten.
Ich glaube die Angst und das Gejammer gehört dazu. Hast du keine Angst, dann hast du auch kein Gespür für Gefahren. Alles dies was wir erlebt haben soll aber auf keinen Fall jemand davon abhalten es nicht auch zu probieren. Die Erlebnisse sind unsere, die Gefühle sind unsere. Gewisse Situationen kann man sicher vermeiden aber wir lernen jeden Tag dazu.
Unter dem Strich gesagt, wir, besonders ich, würde es jederzeit wieder tun aber vielleicht ein klein wenig besser vorbereitet, da ich jetzt weiß, was auf mich zukommen kann. Ich habe alles bewusst niedergeschrieben, die Höhen und die Tiefen, damit mal jemand Ehrlich ist und auch zugibt Angst zu haben und wieder daraus lernt. Ich merke schon ich wiederhole mich. Habe Mut und Zuversicht, glaube an dich was du kannst, erinnere dich an deine Stärken und zeige sie. Ich denke so kann man das packen. Natürlich gehört auch ein Partner dazu der dich so nimmt wie du bist und nicht wie er dich vielleicht haben will. Das ist die Voraussetzung für gute Seemannschaft. Jeder hat seinen Platz, seine Aufgabe, seine Stärken und auch Schwächen. Das alles zusammen ist es. Ich möchte auf diesen Weg meinem Mann danken für seine unendliche Geduld mit mir, für seine Ruhe die er mir gibt
Dank gilt auch unseren Müttern, die leider unsere Fahrt nicht mehr erleben konnten. Dank auch an alle die wir unterwegs kennen gelernt haben, sie gaben uns Mut und Kraft. Nicht zuletzt unser Freund Manfred, der immer, wenn möglich per Handy „dabei“ war.
Besonderen Dank bekommt natürlich unsere Lady, sie hat uns mit ihrer Sicherheit und Stabilität hierher gebracht.
Nun sitzen wir auf unserem Schiff und können das Ende unseres gut überstandenen Abenteuers mit einer Flasche Sekt feiern.
Ach ja und nur ganz kurz bemerkt. Werner ist schon wieder am Reparieren, unser Stromkabel geht nicht. Der Alltag hat uns wieder.

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